Protokoll zur Sitzung am 29. Juni 2011

Theodor W. Adorno: Kultur und Culture

1. Vorbemerkung

Da dies eine der letzten Sitzungen des Seminars war, sind vor dem Protokoll noch grundsätzliche geschichtliche, gesellschaftstheoretische und philosophische Aspekte zu erklären, die bereits behandelt wurden und Voraussetzung für den behandelten Text von Adorno sind.

Einführend in die Thematik wurde die Geschichte Deutschlands besprochen, insbesondere der Sonderweg Deutschlands in Europa. Hierauf wurden die Auswirkungen dieses Sonderwegs auf die Gesellschaft analysiert, wobei verschiedene Autoren mit unterschiedlichen politischen, aber auch wissenschaftstheoretischen Ansichten behandelt wurden. Nachdem die deutsche Gesellschaft nun aus verschiedenen Perspektiven betrachtet worden war, begann die kritische Auseinandersetzung unter den Seminarteilnehmern, wobei folgende Punkte am wichtigsten für das Verständnis sind: eine geschichtliche Kontinuität der gegenaufklärerischen gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland, die spätestens beginnend mit der Romantik in den Nazifaschismus führten; das Ausbleiben demokratischer Revolutionen in Deutschland und damit verbunden ein kaum vorhandenes Demokratieverständnis; eine Abneigung gegen westliche Einflüsse; Gemeinschaftszwang; Antisemitismus.

2. Protokoll

Folgender Text wurde in der Sitzung besprochen:

Theodor W. Adorno: Kultur und Culture, Vorträge – gehalten anlässlich der Hessischen Hochschulwochen Juni 1958, erschienen in „Bahamas“ Nr. 43, 2003/04.

Das Thema des Textes ist, wie es der Titel schon andeutet, der Unterschied von Kultur und Culture, der Unterschied also zwischen dem Verständnis von Kultur in Deutschland und Amerika. Da der Text einem Vortrag zugrunde liegt, ist er teilweise nicht so strukturiert, weshalb in der Seminarsitzung zunächst wesentliche Unterschiede, die Adorno benennt, auf der Tafel nebeneinander aufgelistet wurden. Eine tabellarische Auflistung ist für ein Protokoll nicht sinnvoll, daher werde ich beschreiben, wie sich die Diskussion während der Seminarsitzung entwickelte:

Den wohl wichtigsten Unterschied nennt Adorno zuerst: Mit Kultur verbindet man in Deutschland die sogenannte Geisteskultur, also das Schaffen einzelner Künstler, Wissenschaftler, Philosophen, etc.
Kultur im amerikanischen Sinne bezeichnet dagegen nicht Dinge oder Werke, sondern das Gestalten des gesellschaftlichen Miteinanders. Als kulturreich wird also eine Gesellschaft angesehen, die aus sich selbst heraus das Miteinander formt, also eine Gesellschaft, in der die Freiheit der Individuen so groß ist, dass sie durch demokratische Mittel etwas verwirklichen können. Notwendig hierfür ist zunächst eine demokratische, also eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsstruktur, aber auch ein in den Individuen verankertes Demokratieverständnis, also das Wissen darum, dass Menschen, Gruppen, Vereine, etc. innerhalb der Gesellschaft diese mitgestalten können, wenn denn genügend Bürger auch diese unterstützen. Dieses Moment der amerikanischen, oder allgemeiner: bürgerlichen Gesellschaft wird besonders deutlich, wenn man die deutsche Gesellschaft dieser gegenüberstellt: die zwischenmenschliche Wirklichkeit wird von „oben“, vom Staate gestaltet. Sobald es Probleme gibt, ertönt der Ruf nach dem Staat. Regulierungen und Gesetze werden gefordert, „die da oben“ sollen dem Menschen helfen. Die Menschen hier haben also keinen Bezug zu diesem Gestalten der Wirklichkeit, sie sind ohnmächtig gegenüber dem Staat, da dieser allmächtig und überall präsent ist, eben weil hier so viel reguliert ist.
Im Laufe der Diskussion wurde klar, dass diesen unterschiedlichen Kulturverständnissen auch ein ganz anderes Menschenbild zugrunde liegt. Eine positive Sicht auf den Menschen bedeutet auch gleichzeitig, dass wenn der Mensch der Möglichkeit nach frei ist, dieser auch erkennen wird, dass die Demokratie und deren Institutionen zu verteidigen sind. Die Resistenzkraft einer solchen Gesellschaft gegenüber z.B. Faschismus ist also sehr groß.
Im krassen Gegensatz hierzu steht das Verhalten der Deutschen, das am besten wohl Adorno mit dem Hölderlin Zitat „tatenarm doch gedankenvoll“ verdeutlicht. Tatenarm bedeutet nicht nur, Autoritäten hörig zu sein, sondern auch, dass Freiheit zwar vorhanden ist, jedoch Möglichkeiten nie ausgeschöpft werden.

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