Zur Theorie des deutschen Sonderwegs

In diesem Teil der Seminarreihe sollen die gegenaufgeklärten Entwicklungen, wie sie in den deutschen Fürstentümern, im preußisch-deutschen Kaiserreich sich vollzogen haben, am Ende der Weimarer Republik, der „Republik ohne Republikaner“, in den Nazifaschismus umschlugen, anhand von Texten der in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften formulierten Theorie vom deutschen Sonderweg vergegenwärtigt werden. Es soll jenes Gebilde thematisiert werden, das der Mitbegründer der Philosophischen Anthropologie, der von den Nazis verfolgte, im niederländischen Exil und Untergrund dem Holocaust entronnene Soziologe Helmuth Plessner als „verspätete Nation“ beschrieb:
„An der Entwicklung des modernen Staatsbewußtseins seit dem 17. Jahrhundert“ hatten die Deutschen „nicht teilgenommen … der neuzeitliche Staatsgedanke“ blieb ihnen „fremd“. Das Land war nach dem Scheitern der frühbürgerlichen Revolution 1524-26, „in den Glaubenskämpfen“ des Dreißigjährigen Krieges 1618-48, in dem anhaltenden „Gegeneinander der Fürsten und der Kaisermacht“ zerfallen, auch aufgrund des Bedeutungsverlustes der mitteleuropäischen Landhandelswege (mit Ausnahme der Schweizer Alpenpässe) infolge der Entdeckung der Seehandelswege nach Indien, China, Amerika. Der einheitliche nationale Markt, das einheitliche nationale Territorium blieben aus. Entwickelte sich in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Dänemark, der Schweiz „eine Sphäre der Öffentlichkeit, der Bürgerlichkeit und der Gemeinschaft aus dem Geiste des Rechts“, herrschten hierzulande Stammesbewußtsein, Traditionalismus, Kleinstaaterei, Fürstenwillkür.
Über die Lektüre eines Textes des Faschismusforschers Reinhard Kühnl zur Situation in „Deutschland seit der Französischen Revolution“ sollen „Untersuchungen zum deutschen Sonderweg“ angestellt werden. Die Fragestellung lautet, „warum sich ein aufgeklärtes bürgerliches Bewußtsein in Deutschland nie hat festigen können“. (Dubiel) Auf der Grundlage literatursoziologischer Studien der Kritischen Theorie über „Die Romantik – die verdrängte Revolution“ (Leo Löwenthal) soll „die Sonderentwicklung des bürgerlichen Bewußtseins im Deutschland des 19. Jahrhunderts verfolgt“ werden. (Dubiel) Die hiesigen Strömungen der Aufklärung blieben in der Minderheit, gefragt war: „romantischer Antimodernismus“. (ebd.) Gelesen wird ein Text des Literaturwissenschaftlers Marco Puschner, die „Zusammenfassung“ seiner Studie über den „Antisemitismus im Kontext der politischen Romantik“. Es geht um „den Ausschluß der Juden aus der deutschen Nationalgemeinschaft“, um den Antisemitismus als konstitutives Kennzeichen, als wesentliches Merkmal des romantischen Nationalismus. Die deutschen Juden, die infolge der westlichen Aufklärung, aufgrund des europäischen Einflusses der Französischen Revolution „endlich auf ihre gesellschaftliche Gleichberechtigung hoffen“ durften, wurden „von den Romantikern als finsteres Gegenbild zum aufrechten, ehrlichen, gutmütigen und rechtschaffenen Deutschen imaginiert.“
Anhand eines Artikels von Friedrich Engels für die „New York Daily Tribune“ soll die Situation in „Deutschland am Vorabend der Revolution“ von 1848 diskutiert werden. Es geht um die verspätete wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den deutschen Fürstentümern. Es geht um das verhängnisvolle Scheitern der bürgerlich-demokratischen Revolution. Diskutiert wird hierzu ein weiterer Artikel von Engels für das New Yorker Blatt: „Das Ende des Aufstands“. Es geht um das Versagen des deutschen Bürgertums. „Die Würfel für die zukünftige Entwicklung“, so Claus Radt, „waren damit gefallen. Das Bürgertum suchte den Kompromiß mit dem Adel – gegen die sich entwickelnde Arbeiterbewegung. Die Kräftekonstellation für die folgenden Jahrzehnte war damit vorgezeichnet … ‚und gleichzeitig die entscheidende Sonderentwicklung eingeleitet.’“
Gelesen werden Historiker, die zu den Hauptvertretern der Theorie des Deutschen Sonderwegs gehören. Der liberale Geschichtswissenschaftler Hans-Ulrich Wehler erörtert die weitere Entwicklung in den deutschen Fürstentümern bis 1871 und danach, er diskutiert, mit dem Titel seines Textes gesagt, die Frage: „Deutschland in der zweiten Phase seiner ‚Doppelrevolution’: Die Verankerung des Industriekapitalismus und die Gründung des reichsdeutschen Nationalstaates – Fortsetzung oder Beginn eines ‚deutschen Sonderwegs’?“ Dieses Buchkapitel bietet einen guten Überblick, eine Zusammenfassung der fachwissenschaftlichen Diskussionen. Obgleich der Autor angibt, „seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ seien „die Sonderbedingungen des deutschen Modernisierungswegs immer prägnanter hervor(ge)(treten)“, sieht er in der Gründung des Deutschen Reichs nicht die Fortsetzung, sondern den „Beginn … einer deutschen Eigenproblematik“. Es habe bis 1878/79 noch „Hoffnungen auf eine nachholende Parlamentarisierung“ gegeben. Erst als diese zerstoben waren, habe sich die deutsche Sonderentwicklung „verfestigt“.
Führten in Frankreich die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfe während der Dreyfus-Affäre 1894 bis 1906 zur Schwächung der republikfeindlichen Kräfte des Klerus, des Adels, des Offizierskorps, der Monarchisten – diskutiert wird hierzu ein Text des freien Autors Michael Berger: „Laßt uns über die Dreyfus-Affäre reden!“ –, so verfestigten sich im preußisch-militaristischen Machtstaat Deutschland die viertel- und halbdemokratischen Zustände, die autoritären Strukturen, der Untertanengeist. Konnte im aufgeklärten Frankreich im Verlauf der Dreyfus-Affäre der Einfluss jener konservativen gesellschaftlichen Kräfte, die zu den Multiplikatoren des Antisemitismus gehörten – wiederum Klerus, Adel, Offizierskorps und Monarchisten –, zurück gedrängt werden (Berger), so verfestigte sich im Deutschen Reich die Feindschaft gegenüber dem Judentum. Solche Verfestigung des Hasses auf die Juden soll auf der Basis einer Analyse von Dr. Lutz Hoffmann mit dem Titel „Der Antisemitismus als Baugerüst der deutschen Nation“ (2001) gezeigt werden.
Anhand einer Passage aus dem Buch „Griff nach der Weltmacht“, ein Buch des Historikers Fritz Fischer, soll „Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914–1918“ thematisiert werden. Dies am Beispiel des diplomatischen, militärischen und geheimdienstlichen Vorgehens, die islamische Welt gegen die Weltkriegsgegner, die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich, zu reaktionären Aufständen, zum „Jihad“, zum „Heiligen Krieg“ zu mobilisieren.
Was also in diesem Seminar diskutiert wird, ist „Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik“ (Winkler). Auf der Basis eines Textes von Thomas Nipperdey, eines Kritikers der Theorie des deutschen Sonderwegs, soll die Fragestellung „1933 und die Kontinuität der deutschen Geschichte“ diskutiert werden. (Vgl. in den ergänzenden Literaturangaben die Gegenposition von Reinhard Kühnl: „Zum Problem von Kontinuität und Bruch“)
Was in diesem Seminar versucht werden soll, ist Antwort zu geben „Auf die Frage: Was ist deutsch“ (Adorno). In den USA, so Theodor W. Adorno 1958 in dem Vortrag „Kultur und Culture“, herrsche „eine unendlich viel größere Nähe der politischen Form der Demokratie zum Lebensgefühl der Menschen … die Demokratie selbst mit ihren Spielregeln und Verfahrensweisen (ist) unendlich viel substantieller als jedenfalls bei uns in Deutschland … die Resistenzkraft gegen totalitäre Strömungen (ist) in Amerika größer als … in irgendeinem europäischen Land mit Ausnahme vielleicht von England … Die Art der Entäußerung des amerikanischen Lebens … ließe sich bezeichnen als ein universaler Sieg der Aufklärung im Sinn des gesamteuropäischen Aufklärungsprozesses. Es gibt in Amerika … unendlich viel weniger Tabus, unendlich viel weniger Blindes, dem die Menschen blind gehorchen … als es das bei uns gibt …“.
Soviel zur Dialektik der Aufklärung, Stand: USA, Großbritannien 1958. Nicht sie schlug in offenen gesellschaftlichen Wahnsinn um, den Nazifaschismus, sondern jene der Gegenaufklärung. Hier „Sieg der Romantik“ (Franz Mehring), des preußischen Militarismus, des Nationalsozialismus – dort „universaler Sieg der Aufklärung“ (Adorno). Es soll jener antiwestliche Gesamtzusammenhang des deutschen Sonderwegs – Antihumanismus, Gegenaufklärung, Antiliberalismus, Antimaterialismus, Antikommunismus u.a. – herausgearbeitet werden, in welchem die Konsequenz des Antisemitismus, die Vernichtung, Wirklichkeit werden konnte (Herbert A. Strauss: „Vom Sonderweg zur ‚Sonderbehandlung’“). Es soll „Die Entwicklung des eliminatorischen Antisemitismus im modernen Deutschland“ rekapituliert werden, dies anhand von Passagen aus dem gleichnamigen Kapitel aus Daniel Jonah Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“.

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