1. Sitzung (28.10.2011)

Lucács und der Deutsche Sonderweg.

I. Über den Deutschen Sonderweg:
Die Theorie des Deutschen Sonderweges ist nicht eindeutig festgelegt. Die Vertreter dieser Theorie benennen dabei jeweils einen anderen Ausgangspunkt für die Begründung ihrer Standpunkte.
Mit dem Deutschen Sonderweg ist immer die besondere historische Entwicklung Deutschlands im Gegensatz zu anderen Staaten in Europa (wie England, Frankreich und die Niederlande) gemeint.

Exemplarisch seien hier drei verschiedene Ansätze genannt:
1) Marx und Engels betrachten die „Französische Revolution“ bzw. das Ausbleiben einer solchen Revolution in Deutschland als Ursache für einen Deutschen Sonderweg.
2) Bei dem sozialdemokratischen Historiker Heinrich August Winkler ist das Jahr 1871 der Ausgangspunkt.
3) Auch der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler sieht den Beginn bzw. die Fortsetzung des deutschen Sonderweges im Jahre 1871 (deutsche Reichsgründung),

An dieser Stelle sei darauf  hingewiesen, dass das Thema „Der Deutsche Sonderweg“ im Sommersemester 2011 ausführlich diskutiert wurde.

II. Georg Lucács: „Die Zerstörung der Vernunft“ (1954)
Erstes Kapitel: „Über die Eigentümlichkeiten der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands“

In dem ersten Satz des Kapitels untermalt Lucács seine Position, indem er von dem „Schicksal“  bzw.  der „Tragödie des deutschen Volkes“ spricht und dabei die verspätete „modern-bürgerliche[…] Entwicklung“ (S. 37) als Grund dafür nennt. Ferner identifiziert er als Ausgangspunkte seiner Theorie die „Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Indien“  und die damit einhergehende „Verlagerung der Handelswege“ (S. 38). Danach seien der Bauernkrieg bzw. die Bauernaufstände in Deutschland 1525 erwähnt, die durch ihr Scheitern und dessen psychologischen Folgen sich auf die „ideologische Entwicklung“ (S. 39) Deutschlands auswirkten.

Als erster Kritikpunkt an den Ausführungen Lucács’ stellte sich die indirekte Erwähnung des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland von 1618 bis 1648 heraus. Historisch gesehen hatte die enorme Zerstörung Deutschlands durch diesen religiös begründeten Konflikt, der sich größtenteils in Deutschland abspielte, verheerende Auswirkungen sowohl für die ökonomischen als auch für die geistige und kulturelle Entwicklung Deutschlands.
Dadurch war auch die Auflösung der Kleinstaaten in Deutschland und die damit einhergehende Gründung eines Nationalstaates in weiter Ferne gerückt.
Lucács analysiert hingegen, dass Deutschland „an dem großen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung des 16. und 17. Jahrhunderts nicht teilgenommen“ hat. Somit blieb es „weit hinter der Entwicklung der Kulturländer zurück“.
Als Ursache nennt Lucács „materielle Gründe“, die zudem die „ideologischen Eigentümlichkeiten“ beeinflussen:

Erstens die unerhörte Kleinlichkeit, Enge, Horizontlosigkeit des Lebens in den kleinen deutschen Fürstentümern im Gegensatz zu dem in England oder Frankreich. Zweitens – damit nahe verbunden – die viel größere, handgreiflichere Abhängigkeit der Untertanen vom Monarchen und von seinem bürokratischen Apparat, den viel eingeengteren objektiven Spielraum zu einem ideologisch oppositionellen oder nur kritischen Verhalten als in den westlichen Ländern. Dazu kommt noch, daß das Luthertum (und später der Pietismus usw.) diesen Spielraum auch subjektiv einengt, die äußere Unterworfenheit in innere Unterwürfigkeit verwandelt und so jene Untertanenpsychologie züchtet, die Friedrich Engels als ‚bedientenhaft’ bezeichnet hat.“ (S. 40 – 41).

Hieraus entwickelte sich eine Frage nach dem tatsächlichen Einfluss des Luthertums auf die Gesellschaft.
Wie Max Weber in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ behauptet, sei der Kapitalismus (insbesondere in Deutschland) aus einer protestantischen Ethik hervorgegangen. Dagegen sei nach der Kapitalismuskritik von Marx jedoch die protestantische Ethik ein Produkt des sich in Deutschland entwickelnden Kapitalismus.
Dieser Gedanke führte zu der Frage, ob man in diesem Zusammenhang davon sprechen kann, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt oder eher das Bewusstsein das Sein definiert.
Ein möglicher Lösungsansatz wurde durch die Kritische Theorie gegeben, da es sich hier um eine „Wechselwirkung“ handelt. Denn auf der einen Seite sind Überbauphänomene durch eine eigene relative Dynamik bestimmt und auf der anderen Seite werden diese durch die gesellschaftliche Totalität vermittelt. Damit lässt sich über den tatsächlichen Einfluss des Luthertums nur spekulieren aber im Bezug auf die deutsche Gesellschaftist dieser Einfluss   nicht zu leugnen.
Zum weiteren Verständnis der Besonderheit der Entwicklung in der deutschen Gesellschaft wurde versucht den Unterschied zwischen Calvinismus und Luthertum im Hinblick auf die Entwicklung der Arbeit und des wirtschaftlichen Fortschritts zu klären.

Nach Weber war der Calvinismus im 19. Jahrhundert für die Arbeitsethik einiger Länder – als Beispiele seien England, Holland und die USA genannt – verantwortlich. In Deutschland hingegen blieb dies nur eine marginale Strömung in der Gesellschaft.
Der Calvinismus beförderte durch seine Arbeitsehtik eine frühkapitalistische Wirtschaftsauslegung, die zu einem ökonomischen Fortschritt beitrug, was man besonders an den industriellen Entwicklungen in England und Holland erkennen kann.
Lucács macht darüber hinaus in Deutschland (siehe Zitat oben) das Luthertum als Ursache für die Transformation einer „äußeren Unterworfenheit“ in eine „innere Unterwürfigkeit“ (S. 41) verantwortlich, wodurch die „handgreiflichere Abhängigkeit der Untertanen vom Monarchen und von seinem bürokratischen Apparat“ (S.40)  befördert wurde, was er als einen Aspekt für die „ideologischen Eigentümlichkeiten dieser deutschen Entwicklung“ (S. 40) nennt.
Dadurch entsteht nicht nur ein materieller Unterschied zwischen Deutschland und anderen europäischen Staaten sondern es festigt sich auch zunehmend eine Ideologie, die eine politische und wirtschaftliche Entwicklung zunehmend lähmt.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter DiadeGeg 6, Protokolle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s