2. Sitzung (04.11.2011)

II. (Fortsetzung) Georg Lucács: „Die Zerstörung der Vernunft“ (1954)
Erstes Kapitel: „Über die Eigentümlichkeiten der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands“

In dieser Sitzung bezog sich die Diskussion auf die Textstelle, in der Lucács auf die Rolle von Napoleon eingeht und welche Reaktion Napoleon in den deutschen Kleinstaaten auslöste:

Diese notgedrungene und zugleich von den Beteiligten ideologisch verklärte Anpassung an die Rückständigkeit des bestehenden Deutschlands hat einerseits zur Folge, daß die Sehnsucht nach nationaler Befreiung und nationaler Einheit bei ihnen oft in einen engen Chauvinismus, in einen blinden und bornierten Franzosenhaß umschlägt, daß sie auch in den in Bewegung gebrachten Massen keine wirklich freiheitliche Ideologie hervorbringt. Insbesondere, weil es für sie unvermeidlich ist, auch mit jenen Kreisen der reaktionären Romantik in ein Bündnisverhältnis zu treten, die den Kampf gegen Napoleon als Kampf um die vollständige Restauration des Zustandes vor der Französischen Revolution auffaßten. Diese Widersprüche zeigen sich naturgemäß auch bei dem philosophischen Vertreter dieser Richtung, beim späteren Fichte, obwohl er politisch und sozial viel radikaler war als viele politischen und militärischen Führer der nationalen Bewegung.“ (S. 44)

Da es auch TeilnehmerInnen an dieser Diskussion gab, die die sogenannten deutschen Befreiungskriege relativierten und auch die Rolle des Code civil nicht beachteten, sei folgende Textstelle zitiert, welche der mehrheitlichen Position der TeilnehmerInnen entspricht:

In den deutschen Befreiungskriegen 1813-1815 wie auch in den sich anschließenden Erhebungen deuten sich zahlreiche Merkmale des Nationalsozialismus an. Das Bestreben der freien Städte und der deutschen Fürstentümer, die während der napoleonischen Herrschaft erreichte Emanzipation wieder rückgängig zu machen, entspricht der nationalsozialistischen Leidenschaft, sich für die ‚vierzehn Jahre der Schande‘ zu rächen, für die Weimarer Republik also, in der die Juden tatsächlich alle bürgerlichen Rechte besaßen. In der Emanzipationsbewegung des deutschen Bürgertums verbanden die Universitäten den Antisemitismus mit der deutschen Freiheitsideologie. Der enge Zusammenhang zwischen deutschem Protestantismus, germanischem Heidentum, Gemeinschaftssozialismus und den deutschen Idealen einheitlicher Regierung wird offenkundig. In dieser Zeit kam es zu Bücherverbrennungen. Bücher, die von den sogenannten demokratischen Zeitungen als unpatriotisch bezeichnet wurden (z.B. der Code Napoleon), und Schriften jüdischer Autoren wurden mit dem Ruf ‚Tod den Juden‘ in die Flammen geworfen. In Würzburg, Karlsruhe, Heidelberg, Darmstadt und Frankfurt wurden jüdische Häuser angezündet und die Bewohner mißhandelt. All das geschah im Namen liberaler und patriotischer Parolen.
Die Bewegung des ‚erwachenden‘ Volkes läßt sich auch in Holland und Skandinavien beobachten. Metternich und die konservativen Regierungen mußten strenge Maßnahmen gegen die angeblich demokratischen Massen ergreifen. Die weitsichtigsten deutschen Denker, etwa Goethe, Schelling und Hegel, ergriffen Partei gegen die ‚Liberalen‘ und schlugen sich auf die Seite der ‚Reaktionäre‘.
“ (S. 386f)
[Zitiert aus „Zur Tätigkeit des Instituts. Forschungsprojekt über den Antisemitismus (1941)“ in Max Horkheimer, Gesammelte Schriften Band 4: 1936-1941, 2. Auflage: Oktober 2009 Frankfurt]

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