3. Sitzung (11.11.2011)

III. Heller, E. / Mosbahi, H. „Islam, Demokratie, Moderne. Aktuelle Antworten arabischer Staaten.“
Einführung
Als erstes seien die zentralen Thesen der Autoren zu nennen:
– die arabisch-islamische Welt erlebte durch die „Begegnung mit dem Westen“ (S. 7) ein Trauma, dass sich auf die gesellschaftlichen Prozesse regressiv auswirkte und eine Hinwendung zu alten religiös-kulturellen Wurzel zur Folge hatte.
– Diese Reaktion führte zusätzlich zu einem Stillstand der aufklärerischen Ströme und brachte den Traditionalisten die Möglichkeit ihre Anschauung zu etablieren
– Der Westen wurde auf seine „materiellen Aspekte“ reduziert, was eine Hinwendung zum islamischen Fundamentalismus implizierte (dies sei „symptomatisch für die islamische Geistesgeschichte“ (S. 8))

Nach diesen Thesen beschreiben die Autoren die Charakteristiken der Auslegung des Islams:

„Das islamische Denken ging davon aus, daß der Ursprung – die Offenbarung – das Beständige, Ewig-Unveränderliche sei und die Zukunft eine Bedrohung durch unvorhergesehene Neuerungen, also durch das Veränderliche bedeute. Jede Interpretation des islamischen Denkens muß also von der Beziehung zwischen diesen beiden Polen – dem Veränderlichen und dem Beständigen – ausgehen. Diese Spannung führt zu einem ständigen Konflikt zwischen der Tradition auf der einen und der kreativen Erneuerung auf der anderen Seite.
Nach der traditionalistischen Weltsicht ist die Offenbarung des Koran das Fundament der Zeit und der Geschichte. Sie ist der Anfang der Geschichte selbst. Ihre Botschaft bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit, sie gilt vielmehr – das sie endgültig und vollkommen ist – für alle Zeiten […]
Die Zukunft hat nur den einen Sinn, die Botschaft der Offenbarung zu verwirklichen, ihre ‚Gegenwart‘ zu leben. Mit anderen Worten: Sie wird als Zukunft als etwas Kommendes, geleugnet.
“ (S.8)

Somit sei der Mensch nichts anderes als ein „Zeuge des göttlichen Aktes“ und „Empfänger“ (S. 8f).
Dieses Phänomen ähnelt der Kritik von Georg Lukács an die Deutschen. Er spricht von einer „Untertanenpsychologie“, die durch das Luthertum zu den anderen „ideologischen Eigentümlichkeiten“ hinzukommt.
Ein von den Autoren wenig beachteter Aspekt ist die Reaktion der islamisch-arabischen Welt auf die verlorenen Kriege, beispielsweise die Seeschlacht von Lepanto (im 16. J.h.), die zwei Niederlagen vor Wien (16. und 17. J.h.), vor allem jedoch der Mongolensturm (im 13. J.h.), der die gesamte islamische Welt schwer traf.
Die Autoren rücken explizit die Zerstörung Bagdads (1258) in den Mittelpunkt, da Bagdad zu dieser Zeit eine der bedeutendsten Städte, insbesondere aufgrund des Kalifat der Abbasiden, in der gesamten islamischen Welt war.

An dieser Stelle wurde dann auch im Seminar eine Parallele zum Deutschen Sonderweg gezogen: Die Zerstörung Bagdads in der islamischen Welt lässt sich im Bezug auf die Folgen mit der Zerstörung Magdeburgs während des Dreißigjährigen Krieg in Deutschland vergleichen. Beide Städte galten zu ihrer Zeit als „kulturelle Hochburgen“. Durch die Zerstörung der beiden Städte gingen wertvolle, kulturelle und repräsentative Metropolen verloren. Die Reaktion war in der arabisch-islamischen Welt und bei den Deutschen ähnlich: Ablehnung des Fremden und Rückbesinnung auf traditionelle Werte.

Nach einem lang andauernden Stillstand folgte erst durch die „Eroberung Ägyptens durch Napoleon im Jahre 1798“ (S. 13) ein Umdenken in der arabisch-islamischen Welt.
Diese Eroberung machte „den großen Vorsprung Europas im Bereich der Wissenschaft, der Technik und der politisch-gesellschaftlichen Kultur“ deutlich:

Erst in diesem Augenblick kamen rationalistische Strömungen auf. So traten beispielsweise der Ägypter Rifa’a at-Tahtawi (1801-1873), der mit der ersten ägyptischen Studien-Delegation nach Paris gekommen war, der Reformtheologe Djamal ad-Din al-Afghani (1838-1837) sowie sein Schüler Mohammed Abduh (1849-1905) unter dem Einfluss der europäischen Aufklärung für eine Rationalisierung des Islam ein. Diese politisch-religiösen Reformer leiteten jenen geistig-kulturellen Aufschwung ein, den die Historiker später als die islamische Renaissance – die Nahda – bezeichneten.“ (S. 13)

Die Errungenschaften der Nahda waren ein Aufschwung in sämtlichen Bereichen, wie Kunst, Literatur, Religion und Politik. Dies führte sogar zu dem Gedanken, dass Religion und Politik zu trennen seien, was in dem Werk „Der Islam und die Grundlagen der politischen Herrschaft“ von dem „in Oxford ausgebildeten[n] Religionsgelehrten Ali Abd ar-Raziq (1888-1966)“ (S. 13) gefordert wird.
Hinzukommt eine „Erneuerung der Sprache und der Kultur“ (S. 14). Durch diesen politischen Aufschwung begannen auch die arabischen Länder ihre Unabhängigkeit von den Briten zu erkämpfen.
Doch gerade mit der Erlangung der Unabhängigkeit war der Höhepunkt der Nahda-Bewegung erreicht.
Eine langfristige Veränderung der Gesellschaft blieb aus. Die Ursachen hierfür seien die „Revolutionen, Freiheitskämpfe, der Konflikt mit Israel und das dramatische Erwachen des arabischen Nationalismus in der Nasser-Ära“ (S. 14).
Des Weiteren habe die katastrophale Niederlage gegen Israel im Jahre 1967 den Ideen der Nahda den endgültigen Todesstoß versetzt (S. 15).
Es folgte eine Ära der erneuten „symptomatischen“ Hinwendung zu den kulturellen und religiösen Wurzeln, was in einer Radikalisierung der Gesellschaft gegenüber dem Westen mündete.
Das Problem dafür liege nach Meinung des tunesischen Historikers Hischam Djait in seinem Essay „Das arabisch-islamische Denken und die Aufklärung“ in dem Unterschied der Aufklärungsbewegung in Europa und der islamischen Welt. In Europa ging die Kritik immer gegen das bestehende politische System einerseits und gegen die Religion andererseits, wodurch eine „Säkularisierung der Politik und der Gesellschaft“ (S. 16) entstand.
Hingegen war in der islamischen Welt die Religion unantastbar.

Fazit: Dies bedeutet also nach der Feststellung von Hischam Djait, dass eine Aufklärung nur ohne Angriff auf den Islam hätte stattfinden können, was jedoch der Idee der Aufklärung grundlegend widerspricht und sie sich somit nie in dem Maße bzw. gar nicht entwickeln konnte, wie es in Teilen Europas der Fall war, da ihr schon zu Beginn die Grenzen gesetzt wurden, die sie auflösen und überwinden sollte.
Infolgedessen war jeder kulturelle und politische Fortschritt der Beginn eines Rückschrittes, der, wie zu Beginn des Textes von den Autoren bezeichnet, „symptomatisch für die islamische Geisteswelt“ (S. 8) ist.
Diese Feststellung lässt sich auch auf die Deutschen übertragen. Auf die misslungene Bauernrevolution 1525 folgte ein neuer Feudalismus und im Gegensatz zu den anderen europäischen Völkern fand in den darauffolgenden Jahrhunderten ein ökonomischer und insbesondere politischer Rückschritt statt. Die nationale Einheit war weit entfernt und der Dreißigjährige Krieg verstärkte im 17. Jh. das Elend. Darüber hinaus trug das Luthertum zur weiteren Unterdrückung und Festigung der Macht der Monarchen bei.
Die „Aufklärung“ blieb im 18. Jh. aus und auch Napoleon brachte Anfang des 19. Jh. nur kurzfristig eine positive Veränderung. Die Reaktion auf die politischen Einflüsse Frankreichs durch Napoleon im Bezug auf die Bürgerrechte (der Code Civil) und die nationale Einheit wurden mit einem Befreiungskrieg und „bornierten Franzosenhaß“ (S. 44, Lucács) erwidert. Weder die notwendige nationale Einheit noch eine bürgerliche Revolution gelang.
Jede Niederlage von aufklärerischen Strömungen wurde mit der Hinwendug zu gegenaufgeklärtem Denken beantwortet, was sich bezüglich der historischen Entwicklung Deutschlands auch als „symptomatisch“ bezeichnen lässt.

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