Islamische und andere Staaten auf deutschem Sonderweg.

Ausgehend von einem Text des marxistischen Philosophen Georg Lukacs „Über einige Eigentümlichkeiten der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands“ soll noch einmal die Theorie vom deutschen Sonderweg, wie sie im letzten Semester anhand von rund einem Dutzend Publikationen diverser Autoren diskutiert worden ist, vergegenwärtigt und zusammengefasst werden. Anschließend sollen Ähnlichkeiten, Parallelen und Unterschiede der deutschen und islamischen geschichtlichen Entwicklung herausgearbeitet werden. Auf der Basis von Texten verschiedener Fachrichtungen (Islam-, Orient-, Geistes-, Geschichts-, und Gesellschaftswissenschaften) soll interdisziplinär die Verspätung, das Zurückbleiben der islamischen gegenüber der westlichen Welt untersucht werden.
Was in deutschen Landen die Folgen des Dreißigjährigen Kriegs, der Zerstörung Magdeburgs, das waren in der islamischen Welt die Folgen des „Mongolensturms“, der Zerstörung Bagdads. (Heller/Mosbahi) Wie die hiesigen, mitteleuropäischen Handelsstraßen aufgrund der Entdeckung der Seewege nach Amerika, Indien, China ihre Bedeutung verloren (mit Ausnahme der Schweizer Alpenpässe), so verlor auch die über Teheran, Bagdad, Damaskus und Gaza nach Kairo, über Aleppo nach Konstantinopel führende Seidenstraße ihre Bedeutung. Scheiterte hierzulande die frühbürgerliche Revolution, brach eine solche im Orient gar nicht erst aus. Das Verbot des Buchdrucks im Osmanischen Reich, das ca. drei Jahrhunderte Gültigkeit hatte, soll hier als eine der Hauptursachen für das Zurückbleiben des Nahen und Mittleren Ostens benannt werden. In seinem Buch „Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt“ schrieb der Historiker Dan Diner von einer „sakralen Abweisung des Buchdrucks“. (Berlin 2007)
Anhand eines Textes des Nah- und Mittelostwissenschaftlers Bernard Lewis soll die gegenaufgeklärte Reaktion der ägyptischen Muslime auf die Napoleonische Expedition an den Nil untersucht, mit der Reaktion der Deutschen auf die französische militärische Präsenz in den hiesigen Fürstentümern verglichen werden. Wie die Deutschen reagierten die Muslime mit Ablehnung auf die Emanzipation der Juden durch die Napoleonische Gesetzgebung. Dort wie hier folgte auf die Niederlage der Französischen: die Restauration, die Wiederherstellung der mittelalterlichen antijüdischen Gesetze. Eine Textpassage Dan Diners über die sozial-ökonomische Struktur Palästinas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt Auskunft über das im Vergleich zum deutschen Bürgertum wirtschaftlich noch einmal schwächer entwickelte orientalische Bürgertum („Efendi“). „Kaufmannskapital und Handwerk sind eng an die politische Macht“ des osmanischen Staates „gebunden und konnten sich von dieser … nicht freimachen. Im Unterschied zur europäischen Geschichte … war im Orient eine historische Verselbständigung eines Bürgertums … nicht gelungen.“ (Hamburg 1982)
Es soll das Scheitern der bürgerlich-demokratischen Revolution im Osmanischen Reich von 1908 thematisiert werden. „In ihrem ersten Stadium“, so Rosa Luxemburg, „als das ideologische Element in der jungtürkischen Bewegung überwog, als sie noch hochfliegende Pläne und Selbsttäuschungen über einen wirklichen Leben verheißenden Frühling und innere Erneuerung der Türkei hegte, richteten sich ihre politischen Sympathien entschieden nach England, in dem sie das Ideal des liberalen modernen Staatswesens erblickte, während Deutschland, der offizielle langjährige Beschützer des heiligen Regimes des alten Sultan*, als Widersacher der Jungtürken auftrat. Die Revolution des Jahres 1908 schien der Bankrott der deutschen Orientpolitik zu sein und wurde allgemein als solcher aufgefaßt, die Absetzung Abdul Hamids“, des Sultans, „erschien als die Absetzung der deutschen Einflüsse. In dem Maße jedoch, wie die Jungtürken, ans Ruder gelangt, ihre völlige Unfähigkeit zu irgendeiner modernen wirtschaftlichen, sozialen und nationalen großzügigen Reform zeigten, in dem Maße, wie ihr konterrevolutionärer Pferdefuß immer mehr hervorguckte, kehrten sie … mit Naturnotwendigkeit zu den … Herrschaftsmethoden Abdul Hamids … zurück … und so wurde sie (die „junge Türkei“) auch in der auswärtigen Politik sehr bald zu den Traditionen Abdul Hamids, zur Allianz mit Deutschland, zurückgeführt.“ (Ges. W., Bd. 4, Berlin / DDR 1984, 87)
Es soll die Orientierung des Osmanischen Reichs am Deutschen Reich bis hin zum Eintritt des ersteren an der Seite des letzteren in den Ersten Weltkrieg thematisiert werden (F. Türk, R. Luxemburg). Die deutsche Außenpolitik hatte den Sultan und dessen Kriegsminister wiederholt aufgefordert, den „Heiligen Krieg“ zu erklären. Während die gegenaufgeklärte deutsche Orientwissenschaft der kaiserlichen Außen- und Militärpolitik die Konzeption eines solchen „Jihad“ lieferte (Max Freiherr v. Oppenheim: „Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde.“ 1914), unterzog die aufgeklärte westliche Orientwissenschaft das ganze einer scharfen Kritik: „Der Heilige Krieg, Made in Germany“, so der Titel eines Buches des niederländischen Islamwissenschaftlers Christiaan Snouck Hurgronje aus dem Jahr 1915, sei eine „Schande für die Menschheit“. Der Autor schrieb von einem „abscheulichen Spiel“, von einer „mittelalterlichen Durchmischung von Religion und Politik“. (zit. n. Küntzel 2009, 30f)
Anhand historisch-empirischen Materials (Marschmusiken, Postkarten, Gedichte) sollen Untersuchungen zur deutsch-islamischen Völkerfreundschaft angestellt werden. Besprochen wird: das gänzliche Ausbleiben der bürgerlich-demokratischen Revolution auf der arabischen Halbinsel, der Aufstieg jener aus dem tiefsten Hinterland kommenden, ländlich geprägten, ultrakonservativen, extremen, saudi-wahhabitischen Strömung des Islam (Corm: „Die Entstehung des Wahhabitenstaates: der Sieg der Wüste über die Stadt“).
Es soll also hier der Frage nachgegangen werden, warum in der islamischen Welt „in der Auseinandersetzung zwischen den traditionellen Kräften und den Stimmen rationaler Denker und Aufklärer bisher letzten Endes immer die Traditionalisten siegten“? (Heller/Mosbahi)
Gegen den reaktionären Antikolonialismus der muslimischen „Geistlichkeit und sonstige(n) … mittelalterliche(n) Elemente …, die in den zurückgebliebenen Ländern Einfluß haben“, gegen „den Panislamismus und ähnliche Strömungen …, die die Befreiungsbewegung gegen den europäischen und amerikanischen Imperialismus mit einer Stärkung der Positionen der Khane, der Gutsbesitzer, der Mullahs usw. verknüpfen wollen“, soll Lenins 11. These zur nationalen und kolonialen Frage gelesen werden. Wo heute linke, friedensbewegte, globalisierungskritische, grüne und sozialdemokratische Personen, Gruppierungen und Organisationen mit den ägyptischen und palästinensischen Muslimbrüdern (Hamas), mit der libanesischen „Partei Gottes“ (Hizbullah), mit dem islamischen Gottesstaat Iran sich gemein machen, zog Lenin es vor, „die bürgerlich-demokratische Befreiungsbewegung in diesen Ländern (zu) unterstützen“. Er beharrte auf der „Notwendigkeit“, die oben genannten reaktionären islamischen Kräfte „zu bekämpfen“!
Freilich blieben bürgerlich-demokratische Parteien im Nahen und Mittleren Osten, sofern sie überhaupt sich konstituierten bzw. diesen Namen verdient haben, in der Minderheit. Die Szene wurde von gänzlich anderen Kräften beherrscht: Was hier thematisiert werden soll, ist die Orientierung der nach dem 1. Weltkrieg aufkommenden arabischen Nationalbewegungen nicht am Vorbild aufgeklärter, territorialer Nationen (GB, USA, Frankreich), sondern am Vorbild der gegenaufgeklärten, völkischen Nation Deutschland. Es geht um „die deutschen Quellen“ beispielsweise des wichtigsten Theoretikers und Begründers arabischer Nationsvorstellungen, Sati’ Husri (Hochschullehrer, Staatsbeamter, Minister in drei arabischen Ländern, Irak, Syrien, Ägypten), um dessen „Angriff auf die französische Nationsidee“ (Tibi). Es geht um die prodeutsche Ausrichtung der arabischen Nationalbewegungen bis hin zu deren Orientierung am „Dritten Reich“ (Mallmann/Cüppers: „Halbmond und Hakenkreuz“). Die beiden Autoren der zuletzt angegebenen Quelle gaben einem Kapitel ihrer Publikation den Titel: „Braune Affinitäten: Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten“. Vergleichend, ergänzend soll ein Text der Geisteswissenschaftler Ian Buruma und Avishai Margalit über ein nicht-islamisches Land, das auf deutschem Sonderweg sich bewegte, im Zweiten Weltkrieg mit dem „Dritten Reich“ verbündet war, gelesen werden, ein Text über das gegenaufgeklärte, antiwestliche Denken in Japan. Auf der Basis einer Studie des Politologen Dr. Matthias Küntzel über die deutsch-iranischen Beziehungen soll beispielhaft die Geschichte eines islamischen Landes auf deutschem Sonderweg herausgegriffen werden. Es geht um Persien vor und während des Ersten Weltkriegs, als dieses an die Seite des Kaiserreichs sich drängelte. Es geht um den Iran vor und während des Zweiten Weltkriegs, als der an die Seite des „Dritten Reichs“ sich drängelte – bis die gemeinsame Militärintervention britischer und sowjetischer Truppen im Rahmen der Anti-Hitlerkoalition dem deutsch-iranischen Spuk ein Ende bereitete.

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* „Möge seine Majestät der Sultan“, sagte Wilhelm II. 1898 auf Orientreise in Damaskus, „mögen die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde zerstreut lebend, in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, daß zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird.“

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