Der Genozid an den Armeniern – eine „asiatische Tat“? Über deutsch-türkische Verstrickungen vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg

Ernst Noltes Aufsatz „Die Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte“ (1986) hat in Deutschland unter dem Stichwort „Historikerstreit“ traurige Berühmtheit erlangt.
Der in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschienene Artikel ist ein geschichts-revisionistisches Werk par excellence und enthält allerlei ,Geschmacklosigkeiten‘. Nolte ist der Auffassung, dass im Umgang mit dem Nationalsozialismus „Schwarz-Weiß Bilder“ überwiegen. Zum Beispiel würden die USA und die Sowjetunion „Jahr für Jahr weitaus mehr für ihre Rüstung ausgeben, als Hitler von 1933 bis 1939 ausgeben hatte“ und auch in „Vietnam und Afghanistan“ könne von einem „Völkermord“ gesprochen werden. Einen Einblick in die Psyche Noltes erlaubt auch folgende Ansicht: der Historiker zieht aus dem Film „Shoa“ vor allem die Erkenntnis, dass „auch die SS-Mannschaften der Todeslager auf ihre Art Opfer sein mochten und daß es andererseits unter den polnischen Opfern des Nationalsozialismus virulenten Antisemitismus gab“.
Warum will aber die deutsche „Vergangenheit (…) nicht vergehen“? Nolte hat hier eine Antwort parat. Es seien „Interessen“, die bei „jenem Nichtvergehen der Vergangenheit“ im Spiel sind. Und – man ahnt es fast schon – es seien „jüdische Organisationen“ mit ihren „gewissen Forderungen“. Diese würden schnell „das Ausgleiten eines Kommunalpolitikers“ zu „Symptomen von Antisemitismus“ aufbauschen. Doch es kommt noch dicker: Nolte stellt die Frage, ob der Holocaust – den er als „asiatische Tat“ bezeichnet – sich eventuell nur deshalb ereignet habe, weil sich „die Nationalsozialisten (…) als potentielle oder wirkliche Opfer einer ,asiatischen‘ Tat betrachteten“? Die Antwort auf diese Frage gibt Nolte selbst: Es gäbe einen „kausalen Nexus“ zwischen „Auschwitz“ und dem „Archipel GUlag“, da der „Klassenmord der Bolschewiki“ der „faktische Prius des Rassenmords der Nationalsozialisten“ gewesen sei. Der alleinige Unterschied zwischen beiden Verbrechen läge in dem „technischen Vorgang der Vergasung“.
Wie die Ausführungen Noltes zeigen, haben Jahrzehnte amerikanischer Re-Education in den Denkstrukturen „konservativer Denker“ nichts verändern können. „Jüdische Organisationen“ treiben ihr Unwesen gegen Deutschland, der ,Führer‘ und seine ,willigen Vollstrecker‘ wollten den Machenschaften der Bolschewiki zuvorkommen und selbst in den Orten des Grauens wie „Auschwitz“ sind Deutsche auf „ihre Art Opfer“.
Doch wie kommt Nolte auf die Begrifflichkeit der „asiatischen Tat“? In dem besagten Aufsatz verweist der „Historiker“ auf Max Erwin von Scheubner-Richter, der als Konsul während des Ersten Weltkrieges – in dem das osmanische Reich an der Seite Deutschlands kämpfte – in Erzurum stationiert war und damit „Eindrücke“ von den Massendeportationen der Armenier gewinnen konnte. Scheubner-Richter beschreibt den Genozid als einen Prozess, in dem „ein Volk Asiens“ (die Türken/Kurden) sich entgegen den „Mahnungen aus Berlin“ mit „einem anderen“ (die Armenier) „nach asiatischer Art, fern von europäischer Zivilisation (…) auseinandersetzte“.
Doch der Stand der heutigen Forschung unterstreicht, dass Deutschland „ideologisches Vorbild des aufkeimenden türkischen Nationalismus“, „Mitwisser“, „Mitorganisator“, auf jeden Fall aber „schützende Hand“ hinter dem „prototypischen Genozid“ des 20. Jahrhunderts war (vgl. Akcam 2006, Dadrian 2005, Gust 2005, Hosfeld 2005). Das Thema dieses Essays handelt also von einem Teil deutsch-türkischer Geschichte, über den häufig geschwiegen wird.

Die „asiatische Tat“ – bis heute ein Politikum

Schließlich ist der Genozid an den Armeniern von 1915/16 nach fast hundert Jahren nach wie vor ein Politikum. Während sich die Geschehnisse in das kollektive Gedächtnis der Armenier eingebrannt haben und zahlreiche armenische Organisationen für eine Anerkennung des Genozids in verschiedenen Parlamenten werben, hat sich der türkische Staat das Leugnen und Abstreiten auf die Fahnen geschrieben. Die Position der Türkei lautet: „Erstens: Da war gar nichts; zweitens: Auf keinen Fall handelt es sich um einen Genozid (…); drittens: Was immer geschehen ist, die Armenier waren selber schuld“ („Le Monde diplomatique“ 2011: 13).
Mehr als das: Journalisten und Intellektuelle, die sich mit der Thematik befassen, begeben sich in Lebensgefahr, und Ärger mit der türkischen Justiz ist programmiert. Orhan Pamuk, seines Zeichens Literaturnobelpreisträger, wurde in der Türkei für seine Äußerungen rund um den Genozid vor Gericht zitiert und zieht es heute vor, in den USA zu leben (Herman 2008: 291). Was für den einen glimpflich verlief, war für den anderen tödlich: Hrant Dink. Auch der armenische Journalist musste sich vor den türkischen Staatsanwälten rechtfertigen. Letzere haben für Kritiker des türkischen Staates den Artikel „Beleidigung des Türkentums“ erfunden. Weil Hrant Dink es ablehnte sich als „Türke“ (türk) zu bezeichnen und statt dessen das Wort „Staatsbürger der Türkei“ (türkiyeli) präferierte. Wenn sich Menschen für solcherlei Bagatellen vor Gericht verantworten müssen, verwundert es nicht, dass Hrant Dink für seine Einschätzung, bei den Ereignissen von 1915/16 handele es sich um einen Völkermord, mit dem Leben bezahlen musste. Am 19. Januar 2007 wurde Dink von einem nationalistischen Jugendlichen mit drei Schüssen hingerichtet. Der Umgang des türkischen Staates mit dem politischen Mord spricht Bände: die Polizei – die den Jugendlichen immerhin festnahm – feierte diesen wie einen Helden und einige lichteten sich mit dem Mörder in Heldenpose vor einer türkischen Fahne ab. Während 100.000 progressive Türken, möglicherweise auch Staatsbürger der Türkei, den Sarg von Hrant Dink mit dem Sprechchor „Wir sind alle Armenier“ durch Istanbul begleiteten, zog es der türkische Premierminister Tayyip Erdogan vor, einen neuen Tunnel zu eröffnen (Herman 2008: 242-244). Knapp zehn Jahre zuvor – damals noch Oberbürgermeister von Istanbul – hatte der in europäischen Wirtschaftskreisen so beliebte Premierminister Zeit für einen anderen Termin: Ein posthumes Staatsbegräbnis für Enver Pascha (einem Initiator des Genozids) auf dem Freiheitshügel von Istanbul (Hosfeld 2005: 306). Man stelle sich vor: Gobineau im Pantheon von Paris, ein Himmler-Mausoleum in Berlin.

Der Genozid an den Armeniern

Ein Völkermord oder Genozid ist nach der Definition der UN eine Handlung, die „in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“ (UN zitiert nach Le Monde diplomatique 2011: 13). Nimmt man diese Definition für bare Münze, so sind die „Geschehnisse“ (dies ist die türkische Sprachregelung) von 1915/16 ohne jeden Zweifel als Völkermord zu bezeichnen.
An dieser Stelle kann ein Einblick in die Inferenz des Genozids nicht ausbleiben – auch wenn die Zahlen strittig und je nach Position höher oder kleiner gerechnet werden (Akcam 2006: 183). Die Zahl der Armenier im osmanischen Reich belief sich nach den Quellen der armenischen Kirche vor dem Ersten Weltkrieg auf 2,1 Millionen, osmanische Statistiken (nicht gerade bekannt für ihre Validität) beziffern die Zahl der Armenier auf 1,3 Millionen. Man kann davon ausgehen, dass ca. 600.000 Armenier den Völkermord überlebt haben – etwa durch Flucht, Überleben der Todesmärsche oder Rettung und Aufnahme in meist alevitische Familien. Je nach Ausgangslage (armenische vs. osmanische Quellen) hat der Genozid zwischen 600.000 und 1,5 Millionen Armeniern das Leben gekostet (Akcam 2006: 183). Wem solcherlei Zahlenspiele nicht genügen, dem sei gesagt, dass die osmanischen Drahtzieher gar keinen Hehl aus ihren Absichten machten. Talat Pascha etwa teilte dem Vorsitzenden der Deutsch-Türkischen Vereinigung Ernst Jäckh mit, er begrüße „die Vernichtung des armenischen Volkes“ (zitiert nach Gust 2005: 69). Was waren die „Gründe“ für den Genozid?
Der Völkermord an den Armeniern ist auf das engste verwoben mit dem schleichenden, doch stetigen Niedergang des osmanischen Reiches („der kranke Mann vom Bosporus“), dem Aufkommen vielfältiger Nationalismen und der Ideologie der Jungtürken. Doch eins nach dem anderen. Das osmanische Reich, welches in seiner Hochphase den Balkan („bis vor die Tore Wiens“), fast die gesamte Schwarzmeerküste, den Kaukasus, Kleinasien (die heutige Türkei), Nordafrika und den Großteil der arabischen Halbinsel beherrschte, befand sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert in seinem Todeskampf. Bisweilen wurde das Reich „künstlich am Leben“ erhalten, weil sich Großmächte wie England, Frankreich und Russland nicht darauf einigen konnten, wer welchen Teil vom Kuchen abbekommen würde (Akcam 2006: 55).
Neben den Gelüsten und Ansprüchen der Großmächte gesellte sich der Nationalismus der Griechen, Serben und Bulgaren auf dem Balkan, die der Fremdherrschaft aus Istanbul („Turkokratie“) ein Ende bereiten wollten und dies dann auch taten. Bei den sogenannten „Balkankriegen“ (1912) kamen ca. 300.000 Türken ums Leben, mehrere Hundertausende flohen in die heutige Türkei (Gottschalk 2012: 149-150).
Etwa vier Jahre zuvor (1908) putschte sich das „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (in Europa „Jungtürken“ genannt) an die Macht, stürzte den Sultan und ersetzte ihn durch seinen Bruder. Dieser fungierte in der Folge als Marionette des Komitees. Die Jungtürken – alles in allem ein durchaus heterogener Haufen – strebten eine Modernisierung des osmanischen Reiches nach westlichem Vorzeichen an, träumte aber zugleich von der vergangenen Größe des osmanischen Reiches. Später, wohl unter dem Eindruck der Balkankriege, verfolgten die Jungtürken mehr und mehr nationalistische Ziele. Aus dem ehemaligen Völkermosaik des osmanischen Reiches sollte ein homogener Nationalstaat mit türkisch-islamischer Bevölkerung werden (Gottschalk 2012: 151). Im Ersten Weltkrieg, in dem das osmanische Reich, geführt durch das Pascha-Trio Enver, Talat und Cemal, auf Seiten Deutschlands und Österreichs kämpfte, sollten aus der Sicht der drei Potentaten „zwei Fliegen mit einer Klatsche“ geschlagen werden: die Rückeroberung des Balkans und eine Eliminierung der Armenier, womit der Grundstein einer „homogenen Türkei“ gelegt werden sollte (Akcam 2006: 47, Gottschalk 2012: 151). Während letzteres Ziel mehr oder weniger gelang – in der heutigen Türkei gibt es nur noch eine marginale armenische Gemeinde in Istanbul und in Antakya, sowie den nahe gelegenen Bergdörfern im Gebiet des „Mussa Dagh“, die durch den gleichnamigen Roman von Franz Werfel bekannt geworden sind (Kunz 1994: 56-57) – endete der Erste Weltkrieg mit dem Untergang des osmanischen Reiches.
Im Vertrag von Sevres (1920) – das Pendant zum Vertrag von Versailles – wurde das Ende des osmanischen Reiches besiegelt: die arabische Halbinsel wurde zwischen Frankreich und England aufgeteilt, Istanbul zur entmilitarisierten Zone, Griechenland erhielt Teile der Westküste, Italien der Südküste, Kurdistan und Armenien wurden autonom. Der osmanische Sultan (von Englands Gnaden) „herrschte“ in einem kleinen Gebiet rund um Ankara (Gottschalk 2012: 149).
Doch anders als beim Vertrag von Versailles hatte der Vertrag von Sevres nur drei Jahre bestand. Gegen den Vertrag von Sevres entwickelte sich massiver Widerstand in der türkischen Bevölkerung und es kam zum „Befreiungskampf“, geführt von Mustafa Kemal –auch bekannt als „Atatürk“ (Vater der Türken) – der sich vor allem gegen die griechische Bevölkerung richtete. Im Vertrag von Lausanne (1923) wurden die alten Vereinbarungen hinfällig und die ,moderne Türkei‘ in ihren heutigen Grenzen entstand (Gottschalk 2012: 158).
Dass der Genozid an den Armeniern bis heute ein Tabu in der Türkei darstellt, mag auch daran liegen, das die heutige Türkei wie ein „Phönix aus der Asche“ entstand. Die Armenier aber stellen eine Erinnerung an die „Asche“ des alten osmanischen Reiches dar. Ferner ging dem Gründungsakt der Türkei die Auslöschung der Armenier voraus; ein beträchtlicher Teil der Gründungsväter waren direkt in den Genozid verwickelt (nicht Atatürk) und verdankten ihren Wohlstand (auch Atatürk: das Herrenhaus von Cankaya, Villen in Bursa und Trabzon) der Plünderung von armenischem Besitz (Anderson 2009: 47, Akcam 1994: 42, Akcam 2006: 11-12). Einen gehörigen Beitrag zu dem Tabu Armenier leistet die Indoktrination in türkischen Schulbüchern – früher Produkt des „kemalistischen Militärs“ – so werden Schulkinder auf die „inneren Gefahren durch die nichtmuslimischen Minderheiten und die separatistischen Elemente“ (Herman 2008: 88) aufmerksam gemacht und über Armenier heißt es, sie seien „in jeder Hinsicht Verräter und feindlich“ (Herman 2008: 90).
Gegenwärtig wird die Auseinandersetzung zwischen Kemalisten und der islamistischen Soldateska rund um Tayyip Erdogan häufig als Kulturkampf dargestellt, übersehen wird hier aber die Seelenverwandtschaft in Fragen des Nationalismus. Der „Bildungsminister“ der Partei Erdogans ließ 2003 einen Aufsatzwettbewerb zum Thema „Die Rebellion der Armenier im Ersten Weltkrieg und ihre Taten“ durchführen. Ziel hierbei sei es „eine Jugend heranzuziehen und eine Öffentlichkeit zu schaffen, die angesichts der verschiedensten Bedrohungen gegen die Einheit und Gesamtheit der Türkei die historischen Realitäten überzeugend vertreten kann“ (zitiert nach Hosfeld 2005: 309-310).
Solche Geschmacklosigkeiten erinnern stark an die Projektionen von Ernst Nolte, der ja auch – wie hier die türkischen Schulbücher – den Bock zum Gärtner macht. Ein guter Anlass, um zu den Ausgangsfragen zurück zu kommen: Was hat der Völkermord an den Armeniern – den Nolte als „asiatische Tat“ bezeichnet – mit Deutschland zu tun? War Berlin tatsächlich so „mahnend“? Oder ist die „asiatische Tat“ trotz türkischen Täterprofils nicht doch auf ihre Art „deutsch“?

Deutschland als „Vorbild“ des türkischen Nationalismus

Die Niederlagen der osmanischen Armee auf dem Balkan – eine Folge der Entstehung nationalistischer Ideen unter den verschiedenen Völkern – führten in den Kreisen der Jungtürken zu einer Suche nach einer Ideologie, mit der die wenigen Reste des Reiches zusammengehalten werden konnten (Akcam 2006: 88).
In den Zeitschriften der Jungtürken – wie Genc Kalemler, Yeni Hayat oder Türk Yurdu – machte sich vor allem Ziya Gökalp einen Namen und übte mit seinen Überlegungen einen großen Einfluss auf die Gedankenwelt des Pascha-Trios aus. Seiner Meinung nach sollte der türkische Nationalismus, eine Melange aus „Türkentum“ und „Islamismus“, das neue Amalgam des osmanischen Reiches werden (Akcam 2006: 84). Beide Komponenten ließen für die Armenier keinen Platz mehr.
Da der damals im Entstehen begriffene türkische Nationalismus ein ausgrenzender, rassistischer Nationalismus war, überrascht es nicht, dass das „deutsche Modell“ auf Gökalp attraktiv wirkte.
Das deutsche, atavistisch anmutende Konzept von Nation – basierend auf „Rasse“ und „Blutsbande“ („ius sanguinis“) – wurde zum Vorbild des türkischen Nationalismus (Akcam 2006: 53). Die Begeisterung Gökalp’s für die Deutschen schlug sich auch in gemeinsamen deutsch-türkischen Studien über die ethnisch-religiöse Zusammensetzung Anatoliens nieder. Besonders für die ethnische Komponente des Berichts waren die deutschen Wissenschaftler – Experten der „völkischen Beobachtung“ – zuständig. Die Beobachtungen des „deutsch-türkischen Jointventures“ erwiesen den Jungtürken einen Bärendienst bei der Lösung des „armenischen Problems“ (Akcam 2006: 89).

Deutschland als „Mitwisser“ des Genozids

Da Deutschland das geistige Vorbild des türkischen Nationalismus war, verwundert es nicht – so böse Zungen – dass sich das osmanische Reich im Ersten Weltkrieg auf der Seite Deutschlands und Österreichs wiederfand. Ein solches militärisches Bündnis („die deutsch-türkische Waffenbruderschaft“) geht mit dem Umstand einher, dass sich auf dem Boden der heutigen Türkei zahlreiche deutsche Konsule und Militärs aller Art befanden. Diese waren bestens über die Massendeportationen und Morde an den Armeniern informiert und berichteten fleißig nach Berlin.
Je nach Charakter, Menschlichkeit und möglicherweise politischer Couleur lauteten die Nachrichten ungefähr so: Hans Human, Marineoffizier und persönlicher Vertrauter von Kaiser Wilhelm II schrieb: „Die Armenier (…) werden jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich“ (zitiert nach Dadrian 2005: 12).
Mahnender dann schon der Pfarrer Lepsius, der dem Auswärtigen Amt mitteilte, bei den Massendeportationen handele „es sich augenscheinlich um den Versuch, unter dem Schleier des Kriegsrechtes (…) die christliche Bevölkerung des Reiches nach Möglichkeit zu decimieren und durch Verschleppung in klimatisch ungünstige [Euphemismus für Wüste; C.Ö.] und unsichere Grenzdistrikte der Ausrottung preiszugeben“ (zitiert nach Gust 2005: 19).
Der von Ernst Nolte zitierte Konsul Scheubner-Richter informierte seine Vorgesetzten ebenfalls eifrig: „Die Aussiedlung großen Maßstabs kommt Massakern gleich, da mangels jeglicher Transportmittel [bis auf die Bagdad-Bahn, ebenfalls eine deutsch-türkische Koproduktion; C.Ö] kaum die Hälfte ihre Bestimmungsorte lebend erreichen wird“ (zitiert nach Gust 2005: 19). Es lohnt sich bei dem besagten Konsul ein wenig zu verweilen, da Scheubner-Richter – ein Rassist wie er im Buche steht – nach dem Ersten Weltkrieg Leiter des „Kampfbundes“ der Nationalsozialisten und enger Freund Adolf Hitlers war. Möglicherweise war es der damalige Konsul von Erzurum – der „tragischer Weise“ beim „Marsch auf die Feldherrnhalle“ starb – der den späteren deutschen „Führer“ über den Genozid an den Armeniern informierte (Anderson 2009: 111). Hitler wiederum stellte am Vorabend des deutschen Vernichtungsfeldzuges gegen Polen, und in Anspielung auf das, was den Juden blühen würde, die rhetorische Frage: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ (zitiert nach Dadrian 2005: 7).

Deutschland als „schützende Hand“ hinter dem Genozid

Wenn also die deutsche Führung bestens über die Tragödie der Armenier informiert war, warum ließ sie die osmanische Führung gewähren? Die Antwort auf diese Frage heißt schlicht und ergreifend Realpolitik. Denn die mahnenden Worte des Pfaffen Lepsius kamen der Berliner Führung ungelegen (Hosfeld 2005: 254). Mitten im Krieg, so die Haltung Berlins, könne man den Bündnispartner ja nicht öffentlich maßregeln. In den Worten des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg:
„Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht“ (zitiert nach Hosfeld 2005: 255). Man stelle sich vor, eine Bethmann-Hollweg-Straße in der heutigen BRD? Wer will, der möge recherchieren.
Bei den vielfältigen Verstrickungen zwischen dem Pascha-Trio und Deutschland verwundert es nicht, dass Enver, Talat und Cemal aus Angst vor einer Bestrafung in der Weimarer Republik Asyl suchten. Diese gewährte den Urhebern des Genozids freilich Schutz, da „man befürchtete, sie könnten (…) eine Mitschuld Deutschlands aufdecken“ (Anderson 2009: 35).
Enver und Cemal hielt es nicht lange in Berlin, Enver zog es nach Tadschikistan, um – wieder eine deutsch-türkische Parallele – gegen die Bolschewisten zu kämpfen und Cemal nach Georgien, beide wurden von Agenten der Armenisch Revolutionären Partei, die den Genozid rächen wollte, niedergeschossen. Das gleiche „Schicksal“ traf Talat in Berlin, in der Nähe des Kurfürstendammes (Anderson 2009: 35). Erwähnenswert ist, dass die sterblichen Überreste von Talat später in die Türkei gelangen sollten, und zwar im Zweiten Weltkrieg „in einem zeremoniell mit Hakenkreuzfahnen behängten Zug“ (Anderson 2009: 56). Auch er wurde auf dem Freiheitshügel von Istanbul in allen Ehren beerdigt.
Die Übergabe der Gebeine Talats fällt in eine Zeit, in der die Türkei unter Inönu, dem Nachfolger Atatürks, kräftig mit Nazi-Deutschland flirtete. Dies taucht in der offiziellen Geschichtsschreibung natürlich nicht auf. Hier wird einseitig darauf aufmerksam gemacht, dass die Türkei vielen deutschen Anti-Faschisten (etwa Ernst Reuter, dem ersten Bürgermeister von Berlin nach 1945) und Juden Asyl gewährt habe – was auch stimmt und ehrenwert ist – und im Zweiten Weltkrieg neutral geblieben ist (was auch stimmt, aber nur ein Teil der Geschichte ist). Kemalisten klopfen sich dann gerne selbstgerecht auf die Schulter und postulieren das Verhalten der Türkei füge sich in Atatürk’s Diktum „Frieden im Land, Frieden in der Welt“. Das Zitat wirkt natürlich ein wenig wie aus einem George Orwell Roman, da nicht erklärt werden kann, wie es dann zum Transport der Gebeine Talats kommen konnte, warum 1941 nicht-muslimische Männer im Einberufungsalter in Arbeitslager geschafft wurden, warum Juden und Christen eine Reichtumssteuer zahlen mussten – rein abgesehen von den Pogromen an Griechen 1955/1966, Ermordung von Aleviten 1978/1993 (u.a.) und der bis heute andauernden Unterdrückung der Kurden (Anderson 2009: 55, 114). Allesamt Taten, in denen die Kernbestandteile des türkischen Nationalismus – Türkentum und Islamismus – mal alleine, mal in einer tödlichen Synthese, ihr Unwesen trieben und treiben.

Deutschland als „Mitorganisator“ des Genozids

Wurde bis dato die „passive“ Rolle Deutschlands dargestellt, gilt es abschließend auf die „direkte Rolle“ Deutschlands in der Ermordung der Armenier einzugehen. Deutschlands „direkte Täterschaft“ ist auf das engste mit zwei Namen verwoben: General Colmar von Goltz – von den Jungtürken liebevoll Goltz-Pascha genannt – und General Bronsart von Schellendorf (Dadrian 2005: 11-12).
Von Goltz-Pascha stammte das geopolitische Konzept, welches dem Genozid zu Grunde lag. Sein Vorschlag: „Eine umfassende Deportation dieser armenischen Einwohner in die Wüste Mesopotamiens, um eine religiös homogene, muslimische Bastion zu schaffen und damit ein Bollwerk gegen (…) Rußland“ (Dadrian 2005: 11).
Hinsichtlich Bronsarts liegt ein Telegramm vor, mit dem er befahl „Tausende von entwaffneten armenischen Soldaten aus den Arbeitsbataillonen zu deportieren, gegen die, so sagte er ,strenge Sicherheitsmaßnahmen‘ (edide) ergriffen werden müßten. Die tödliche Wirkung des türkischen Codeworts edide zeigt sich darin, daß der Großteil dieser Soldaten in organisierten Massakern umkamen“ (Dadrian 2005: 12). Ein Grund für Bronsarts Befehl der Liquidierung der Armenier mag in seiner tiefen Abneigung gegen eben jene gelegen haben. So vertrat er die Meinung, dass Armenier „9 mal schlimmer in Wucher wie die Juden seien“ (zitiert nach Dadrian 2005: 13). Eine Haltung, die für viele Teile der deutschen Bevölkerung nicht ungewöhnlich war und sich sogar in den Romanen von Karl May – der freilich nie einen Armenier kennenglernt hat – wiederfinden.

Zum Schluss: warum die „asiatische Tat“ auf ihre Art „deutsch“ war

Der Geschichtsrevisionist Ernst Nolte bezweckte mit dem Begriff der „asiatischen Tat“, die Schuld Nazi-Deutschlands und die Einzigartigkeit des Holocausts zu relativieren. Auch wenn die Überlegungen von Nolte – eine kausale Verbindung zwischen Klassen- und Rassenmord – niemals wirkungsmächtig geworden sind, da die Nazis keinen Präzedenzfall benötigten, um ihren Präzedenzfall zu begehen, hätte eine Untersuchung des Wortursprungs „asiatische Tat“, der von Nolte angestoßenen Debatte schnell ein jähes Ende bereitet.
Beim genaueren Betrachten war die „asiatische Tat“ ziemlich „deutsch“. Der ideologische Humus, auf dem der Genozid an der Armeniern aufbaute, ein mit Rasse und Blut argumentierender türkischer Nationalismus, war ein deutsches Exportgut. Deutsche „Wissenschaftler“ halfen dem Kopf des türkischen Nationalismus – Ziya Gökalp – bei der völkischen und religiösen Vermessung Anatoliens. Informationen, die den Planern des Genozids einen Bärendienst erweisen sollten. Deutsche Militärs waren beim Genozid an den Armeniern als Befehlsführer direkt beteiligt. Ferner war Berlin über die Vorgänge in „Asien“ bestens informiert und wie das Hollweg-Zitat zeigt, griff Deutschland alles andere als „mahnend“ ein. Vielmehr ließ Berlin dem Pascha-Trio und seinen Helfern und Helfershelfern freien Lauf. Später gewährte man den Initiatoren des Genozids Asyl, aus Angst eine Verurteilung dieser, würde die deutsche Mittäterschaft aufdecken. Dies war eine berechtigte Angst.

Essay eines Teilnehmers / einer Teilnehmerin des Seminars, der / die ungenannt bleiben möchte

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Literatur

Akcam, Taner, 1994: Wir Türken und die Armenier. Plädoyer für die Auseinandersetzung mit dem Massenmord, in: Hofmann, Tessa (Hrsg.), Armenier und Armenien – Heimat und Exil, Hamburg 1994, S. 33-44.

Akcam, Taner, 2006: A Shameful Act. The Armenian Genocide and the Question of Turkish Responsibility, New York.

Anderson, Perry, 2009: Nach Atatürk. Die Türken, ihr Staat und Europa, Berlin.

Dadrian, Vahakn N., 2005: Einleitung, in: Gust, Wolfgang (Hrsg.), Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts, Hamburg 2005, S. 7-16.

Gottschalk, Gesa, 2012: Atatürk. Vater der Republik, in: GEO Epoche (Hrsg.), Das Osmanische Reich. 1300-1922, Hamburg 2012, S. 148-159.

Gust, Wolfgang, 2005: Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts, Hamburg.

Herman, Rainer, 2008: Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei, München.

Hosfeld, Rolf, 2005: Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern, Köln.

Kunz, Wolfgang, 1994: Spurensuche. Auf den Wegen der Armenier in Tod und Verbannung, in: Hofmann, Tessa (Hrsg.), Armenier und Armenien – Heimat und Exil, Hamburg 1994, S. 45-74.

LeMonde diplomatique, 2011: Armenien und das Jahrhundert der Genozide, in: Le Monde diplomatique (Hrsg.), Atlas der Globalisierung. Das 20. Jahrhundert, Berlin 2011, S. 12-13.

Nolte, Ernst, 1986: Die Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 1986.

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