Von der Romantik zum Nazifaschismus

Alexander Abusch, geboren 1902 in einer jüdischen Familie in Krakau, Kommunist der ersten Stunde, 1918 Teilnehmer an den revolutionären Kämpfen in Bayern, 1923 an denen in Thüringen, 1926-27 Redakteur der „Roten Fahne“ in Berlin, 1935-39 ihr Chefredakteur im Prager, im Pariser Exil, nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazi-Wehrmacht aus dem Internierungslager geflohen, illegal für die Leitung der KPD in Toulouse tätig, 1941 durch Flucht nach Mexiko dem Holocaust entronnen, in der antifaschistischen Zeitung, für die er dort arbeitete, eine prozionistische Haltung einnehmend, nach der Zerschlagung des Nazifaschismus Chefredakteur der im sowjetisch besetzten Sektor Berlins von Maude Ossietzky neu herausgegebenen „Weltbühne“, Alexander Abusch also, später Kulturminister der DDR, faßte 1946 die Aufgabe, mit welcher die antifaschistischen Intellektuellen konfrontiert waren, programmatisch zusammen:
„Die Enthüllung aller reaktionären Elemente in der deutschen Geschichte, Literatur und Philosophie, die zu Wegbereitern für Hitler wurden und seine Herrschaft begünstigen konnten, ist zur unabdingbaren Verpflichtung geworden. Die ganze verpfuschte Geschichte der deutschen Nation steht zur Kritik“.
Dem folgend, thematisiert der Referent jene Gegenaufklärung, wie sie in den deutschen Fürstentümern, in der deutschen Nationalbewegung als „romantische Reaktion“ (Franz Mehring) auf die französische Aufklärung, die französische Revolution, die napoleonische militärische Präsenz wirkmächtig geworden ist. Nicht aufgeklärter, republikanischer, territorialer Nationalismus französischer Prägung war in deutschen Landen gefragt, sondern völkischer, abstammungsmäßiger (später folgerichtig blutsmäßiger) Nationalismus. Hatte der Vormarsch der französischen revolutionären Armeen in die deutschen Fürstentümer den Juden die Befreiung aus dem Ghetto gebracht (Mainz), die Aufhebung Jahrhunderte alter Ansiedlungsverbote (Köln, Lübeck, Bremen), desgleichen das Bürgerrecht (nicht in Österreich u. Sachsen), so folgte auf die deutschen „Befreiungs“kriege, auf die Niederlage der Napoleonischen: die Restauration, die erneute Unterwerfung der Juden unter die alten antijüdischen Bestimmungen. Es soll der „Sieg der Romantik“ (Franz Mehring) bis hin zum verhängnisvollen Scheitern der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848 thematisiert werden. Nicht Humanismus, sondern Anti-Humanismus, nicht Liberalismus, sondern Anti-Liberalismus, nicht Materialismus, sondern Anti-Materialismus, nicht Kommunismus, sondern Anti-Kommunismus waren in den deutschen Fürstentümern, im militaristischen deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik, der „Republik ohne Republikaner“, angesagt. Gegenaufklärung dominierte Staat und Gesellschaft.
Erreichten in Frankreich aufgeklärte Kräfte (Liberale, Sozialisten, Anarchisten) nach jahrelangem zähen Kampf 1906 die Rehabilitation des jüdischen Generalstabsoffiziers Alfred Dreyfus, der 1894 in einem von antisemitischen Motiven bestimmten, juristisch unhaltbaren Verfahren wegen Spionage zu Degradierung, zu lebenslanger Verbannung verurteilt worden war, wobei der Prozeß von antisemitischen Ausschreitungen begleitet war. Und konnte im Verlauf der Dreyfusaffäre über weitere Maßnahmen der Trennung von Religion und Staat (Säkularisation der Schulen 1902, Aufkündigung des Konkordats 1905) erreicht werden, daß der althergebrachte, christliche Antijudaismus, der Antisemitismus im Folgenden zurück gedrängt wurden, so blieben im reaktionären preußisch-militaristischen Machtstaat Deutschland die Antisemiten eher unbehelligt. Wühlte die Dreyfusaffäre Frankreich zwölf Jahre lang quer durch alle politischen Lager und bis in die Grundfesten auf, war der sogenannte „Berliner Antisemitismusstreit“ bereits nach zwei Jahren vorbei (1879-81). Die publizistische Reaktion des liberalen Althistorikers Theodor Mommsen auf die antisemitischen Ausfälle des Historikers Treitschke („Die Juden sind unser Unglück“) erreichte nicht im Mindesten die Wirkung von Emil Zolas dramatischem, weltberühmten Anklageruf „J’acuse!“. Nicht Emanzipation, sondern Antisemitismus kennzeichnete Entstehung und Entwicklung der deutschen Nation. Weil Aufklärung im Deutschen Reich Minderheitsströmung blieb, ihre Niederlage nie wettzumachen vermochte, auch in der Weimarer Republik nie tatsächlich wirkmächtig wurde – „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“; von ultrarechts bis ultralinks, von Krupp bis Krause bekämpfte man 1923 die letzte Möglichkeit, Aufklärung doch noch durchzusetzen: die französische Besetzung des Ruhrgebiets –, deshalb soll hier nicht die Dialektik der Aufklärung thematisiert werden, um den Nazifaschismus zu erklären, sondern jene der Gegenaufklärung. Auf der Grundlage literatursoziologischer Studien der Kritischen Theorie über „Die Romantik – die verdrängte Revolution“ (Leo Löwenthal) soll „die Sonderentwicklung (!) des bürgerlichen Bewußtseins im Deutschland des 19. Jahrhunderts verfolgt“ werden, eben jener „romantische Antimodernismus“, der zusammen mit weiteren, späteren literarischen Strömungen „zum Syndrom der gescheiterten bürgerlichen Revolution“ sich fügte. Es soll mit der editorischen Nachbemerkung zu Löwenthals Studie der Frage nachgegangen werden, „warum sich ein aufgeklärtes bürgerliches Bewußtsein in Deutschland nie hat festigen können“. Es soll der Unterschied gezeigt werden zwischen „Kultur und Culture“ (Adorno), also zwischen dem, was man in Deutschland meint, unter Kultur verstehen zu müssen, und dem, was man in den USA mit Culture verbindet. Um es mit der Überschrift eines Artikels von Adorno zu sagen: Es soll Antwort gegeben werden „Auf die Frage: Was ist deutsch“. Antwort, wie sie in dem Buch von Joachim Bruhn „Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation“ gegeben wurde, wie sie aber auch in der politischen Theorie Hannah Arendts über den völkischen Nationalismus, den kontinentalen Imperialismus, den Antisemitismus zu finden ist. Antwort, wie sie, allgemeiner, von der in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften entwickelten Theorie des deutschen Sonderwegs gegeben wurde. Kurzum, es sollen immer noch jene „Deutschen Zustände“ thematisiert werden, jene „Deutsche Ideologie“, die bereits von Marx und Engels unnachgiebig der Kritik unterzogen wurden. Mit Lenin soll „Über deutschen und nichtdeutschen Chauvinismus“ Klarheit geschaffen werden.

Vortrag und Diskussion, 19. Januar 2011, 20:00 Uhr, Jugend- und Kulturzentrum Druckluft, Abendkursreihe „Kritische Theorie heute“ des Bildungswerks der Ruhrwerkstatt Oberhausen.
Ein Projekt gemeinsam mit Antifa 3D D-Day Duisburg

Der Referent, Karl Selent, ehemals Student der Komsomolhochschule in Moskau, Absolvent zweier Sommerlehrgänge der FDJ-Hochschule Wilhelm Pieck in Berlin / Bernau (DDR), ist Diplom-Sozialwissenschaftler, derzeit Lehrbeauftragter an der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Er veranstaltet gemeinsam mit dem marxschen Soziologen Prof. em. Dankwart Danckwerts die ambitioniert auf 13 Semester angelegte Seminarreihe „Dialektik der Gegenaufklärung“

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