Theorien über den Antisemitismus

Ausgehend von einer Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Wien über „Die Macht der Bilder – Antisemitische Vorurteile und Mythen“ sollen einige der ältesten und zentralsten „Stereotype christlicher Judenfeindschaft“ vergegenwärtigt werden: „Christusmörder“, „Judas“, „Hostienschändung“, „Brunnenvergifter“, „Ewiger Jude“, „Talmudjude“, „Ritualmord“. (Weinzierl) Es soll die verbreitete christliche Vorstellung von den Juden als „Wucherer“ thematisiert werden (Raphael), zudem die Vertreibung, die ungeheure Gewalt, die Pogrome, welche die mittelalterlichen Christen den Juden angetan haben. (Weinzierl, Raphael)
Über die auszugsweise Lektüre eines Werkes des Nah- und Mittelostwissenschaftlers Bernard Lewis werden vergleichende Studien über „Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert“ angestellt. Wenngleich Juden in den historischen islamischen Gesellschaften einen gewissen rechtlichen Status als „geschützte Untertanen“ („Dhimmis“) besaßen, unterlagen sie doch auch gesetzlichen Restriktionen und Diskriminierungen. Wenngleich Juden im Orient mit wesentlich weniger Gewalt konfrontiert waren als Juden im Okzident, so war doch das Verhalten der Muslime gegenüber den Juden nicht frei von Gewalt. „Die Toleranz im islamischen Spanien ist“, so der Titel eines Textes, der im Seminar zur Diskussion gestellt wird, „nur ein multikultureller Mythos.“ (Prof. Francisco G. Fitz, „Welt – Online“ 01.06.2006)
Konstituierten sich die aufgeklärten, bürgerlich-demokratischen Nationen gegen die Macht und Herrschaft von Monarchie, Adel und Klerus, so konstruierte sich die deutsche, die völkische Nation gegen die Juden. Der Titel eines Tagungsbandes des Instituts für deutsch-jüdische Geschichte und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Gesamthochschule Duisburg lautet: „Die Konstruktion der Nation gegen die Juden.“ [Alter (Hrsg.) München 1999] Gelesen wird daraus der Beitrag von Prof. Stefan Rohrbacher über die antijüdische Gewalt der Jahre 1815 – 1848/49. Darin heißt es u.a.:
„ … die … aggressive literarische Agitation“ gegen die Juden „(speiste) sich aus einer romantisch-nationalen, christlich-germanischen, gegen Aufklärung und Naturrecht gerichteten Zeitströmung … Im Ringen um eine nationale Identität fungierten der äußere Feind – die Franzosen – und die Fremden in der eigenen Mitte – die Juden – als integrierende Faktoren. Die Nationaleigenschaften, die den Franzosen wie den Juden … zugeschrieben wurden, boten die Negativfolie für den Entwurf eines Nationalcharakters der Deutschen.“
Nach dem verhängnisvollen Scheitern der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49, nach der Restauration, mit der Gründung des reaktionären, preußisch-militaristischen Machtstaates Deutschland 1871 wurde der Antisemitismus „soziale Norm“, wie es im Titel der Dissertation von Dr. Klemens Felden heißt: „Die Übernahme des antisemitischen Stereotyps als soziale Norm durch die bürgerliche Gesellschaft Deutschlands 1875–1900.“ (Heidelberg 1963) Felden beschreibt die historisch ohnehin „zum Antisemitismus tendierenden Strömungen“ des Katholizismus und des Konservatismus. Im Seminar gelesen werden aber jene zwei Kapitel, die thematisieren, daß auch der Protestantismus und der Liberalismus durch den Antisemitismus gekennzeichnet waren. Die Umtriebe von Repräsentanten speziell der konservativen Strömung des Protestantismus – Martensen, Todt, Strack, Daab, Kögel, Mann, Bauer –, insbesondere jene des Hofpredigers Adolf Stoecker, verhalfen dem Antisemitismus „zur gesellschaftlichen Reputation“. Stoeckers Agitation war allerdings nicht die Ursache solcher „Popularität des Antisemitismus“, sondern ihre Folge: „Der Hofprediger sprach“ nur „aus, was konservativ-kirchliche Schichten“ ohnehin „empfanden. Außer Pestalozzi und Baumgarten protestierte in der Orthodoxie niemand“ gegen den Antisemiten. „Schon in (dessen) Vorträgen der frühen 1880er Jahre tauchte das Wort vom ‚fremden Blutstropfen’, von der ‚Rasseneigentümlichkeit’ auf“.
Wie sehr der Nazifaschismus („Ein Volk – ein Reich – ein Führer!“) im Entstehungsprozess der deutschen Nation angelegt war, aus ihrer Entwicklung hervorgegangen ist, zeigt auch eine Aussage Stoeckers bezüglich seines „Urerlebnisses“, der klassen-, konfessions-, parteiübergreifenden Einheit und Begeisterung der völkischen Nation im Augenblick ihres Sieges über den „Erzfeind“ Frankreich 1871: Die Deutschen seien „mit Gott und unserem Kaiser“, so zitiert Felden Stoecker, „ein Volk, ein Haus, ein Heer“ gewesen.
„Selbst der Liberalismus“, so Felden, „gab zu Beginn der 1890er Jahre seine ablehnende Einstellung gegenüber dem Antisemitismus auf. … Die liberalen Zeitungen vermieden die“ Auseinandersetzung, „um nicht als ‚Judenblatt’ verdächtigt zu werden, manche passten sich der antisemitischen Strömung an.“ Felden schrieb von einem „Verstummen der Proteste vieler liberaler Politiker und Redakteure“, von einer „Übernahme konservativer Einstellungen“, von der „politischen und geistigen Kapitulation vor den herrschenden Mächten … Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewannen nationalistische und auf die Verteidigung von Klasseninteressen bedachte Strömungen innerhalb des Liberalismus die Oberhand.“ Dieser „entfernte sich von einem an der Aufklärung orientierten Leitbild“. Er wurde „regierungsfromm“.
Anhand eines Beitrags aus dem „Historischen Lexikon Bayerns“, dem wissenschaftlichen Online-Nachschlagewerk der Bayerischen Staatsbibliothek, über den Antisemitismus in der Weimarer Republik soll gezeigt werden, wie der hiesige, „völkisch-rassistische Antisemitismus … sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zusehends radikalisierte. Neben der gesellschaftlichen Ausgrenzung nahmen gewalttätige Aktionen rechtsextremer Gruppen gegen die jüdische Bevölkerung wie Misshandlungen bis hin zum Totschlag, Boykottkampagnen sowie Friedhofs- und Synagogenschändungen zu. … Gewalt wurde zu einem herausragenden Merkmal des Antisemitismus in der Weimarer Republik.“ Der Nationalsozialismus stieg zur Massenbewegung auf. Weimar war eine „Republik ohne Republikaner“. Der Titel eines 1932 erschienenen Romans von Theodor Plievier lautete: „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“. Nicht Liberalismus war unter den staatlichen Funktionsträgern in Verwaltung, Justiz und Polizei gefragt (vielfach ehemalige kaiserliche Beamte), sondern Antiliberalismus. Der Nazifaschismus gelangte dort zur Macht, wo Aufklärung nie hat durchsetzen sich können, wo Gegenaufklärung dominierte: in Deutschland.
Auf der Basis eines Beitrags von Rainer Bakonyi zu dem Buch „Antisemitismus – die deutsche Normalität“, erschienen im Verlag des Instituts für Sozialkritik e.V. Freiburg (ISF), soll gezeigt werden, wie das Naziregime „sofort nach“ der Machtübertragung von 1933 „mit der Umsetzung“ seines „antisemitischen Programms (begann).“ Es geht um den Boykott jüdischer Geschäfte, das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, weitere die Juden Schritt für Schritt ausgrenzende Erlasse und Gesetze, zudem um die „Nürnberger Rassengesetze“ von 1935. „Bereits diese Auswahl an Sofortmaßnahmen … zeigt die integrale Stellung des Antisemitismus in der nationalsozialistischen“ Praxis. Er bildete den innersten Kern der Nazi-Ideologie. Unmöglich, den Nazifaschismus zu analysieren, ohne den Zusammenhang mit dem Antisemitismus.
„Hatten zunächst“, so Bakonyi, „außenpolitische Überlegungen“, also Rücksichten auf die zivilisierte Welt, auf die bürgerlich-demokratischen Staaten, „die NS-Führung bei der Durchführung offensichtlich gewalttätiger und illegaler staatlicher Maßnahmen“ wenigstens „gebremst, so war nach … der erfolgreichen Übernahme Österreichs“, mit der „erwiesenen außenpolitischen Stärke und militärischen Potenz die Hemmschwelle deutlich gesunken.“ Die Novemberpogrome von 1938 („Reichskristallnacht“) markierten den Umschlag in „radikal gewalttätige staatliche Praxis“.
Bakonyi thematisiert „die Stationen des Massenmords, den die Deutschen“ während des Zweiten Weltkriegs „an den Juden Europas begingen“, die systematischen Massenerschießungen in den eroberten osteuropäischen Gebieten, denen, „die Maschinerie der industrialisierten Vernichtung“ in den Todeslagern, der sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. Vermittels von „Aufzeichnungen aus der Hand der Opfer … Schilderungen, teils Zeitdokumente, die in Verstecken überdauerten, teils spätere Niederschriften von Überlebenden“, ist der Autor bemüht, „die Sicht der jüdischen Opfer in das Zentrum der Betrachtung“ zu stellen.
Auf der Basis eines Textes von Amatzia Baram mit dem Titel „Der moderne Irak, die Baath Partei und der Antisemitismus“ soll der Judenhass in einem Land untersucht werden, dessen Nationalismus wie der deutsche völkisch geprägt war (Panarabismus), das historisch mit Deutschland verbündet war, vor, während des Ersten Weltkriegs („Bagdadbahn“, „Achse Berlin-Bagdad“), vor, während des Zweiten Weltkriegs (die Nationalbewegung der 1930er Jahre, das Militärputschregime 1941). Diesem Text aus dem Jahrbuch 2003 des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung ist zu entnehmen, daß der irakische Panarabismus bereits „seit den 1920er Jahren“ mit dem Konflikt im britischen Mandatsgebiet Palästina „sich beschäftigte“. „Viele Iraker“ hätten „seit den späten 1920er Jahren keine klare Unterscheidung zwischen Juden und Zionisten“ vorgenommen (S. 100), „obwohl die meisten irakischen Juden keine Zionisten bzw. sogar gegen den Zionismus waren.“ (S. 103) „Antizionistische Propaganda“ sei „oft untrennbar mit antijüdischen Schmähungen verbunden“ gewesen. „Seit Beginn der dreißiger Jahre … löste der nationalsozialistische Einfluß in Bagdad zusätzlich rassistische Gefühle aus“. Der Einfluß der NS-Propaganda im Irak sei „unübersehbar“ gewesen. „Sie durchdrang große Teile der irakischen Intelligenz, und viele Armeeoffiziere und Politiker ließen ihren antijüdischen Ressentiments freien Lauf. Dies blieb nicht ohne Auswirkungen auf das Bildungssystem. Selbst das Königshaus war ‚infiziert’. … zwei Mitglieder der königlichen Familie (übertrafen) noch den nationalsozialistischen Gesandten in Bagdad, Dr. Fritz Grobba.“ (S. 100f) Amatzia Baram verfolgt die „antijüdische Stimmung“, „die pronationalsozialistische Einstellung der irakischen Elite“ bis hin zum Militärputsch des „Goldenen Vierecks“ 1941, der in Bagdad am 1./2. Juni in einen Pogrom mündete („Farhud“), dem 129 Juden zum Opfer fielen, der „das Ende von 2500 Jahren jüdischer Präsenz in Mesopotamien, im Irak einleitete.“ (S. 103) Der Autor, Professor am Department for the History of the Middle East der University of Haifa, beschreibt die Verfolgung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung des Irak infolge der arabischen Kriege gegen Israel 1948/49 und 1967. Es geht u.a. um die systematische antisemitische Gesetzgebung von 1950/51, 1963/64, 1967. Bereits in den beiden erst genannten Jahren „verließen ungefähr 125.000 Juden“ das Land. „Nur etwa 6000 blieben … ; bis 1964 hatte sich ihre Zahl nochmals halbiert.“ (S. 104) Es geht um den Pogrom vom 27. Januar 1969, mit dem die Diktatur der Baath Partei Saddam Husseins ihren Anfang nahm. Dabei wurden in Bagdad im Anschluß an einen Schauprozeß 13 Iraker, darunter neun Juden, öffentlich bei einem Massenspektakel mit mindestens 100.000 Schaulustigen gehängt. (S. 105) „Die Verfolgung der Juden setzte sich fort bis Ende 1970 bzw. Anfang 1971, viele wurden inhaftiert, gefoltert, einige auch exekutiert.“ (S. 106) Amatzia Baram thematisiert die „antijüdische Propaganda und Kultur im Irak der Baath Partei“ bis in die 1990er Jahre hinein. (S. 108-118) Am Ende lebten dort nur noch etwa 20 Juden.
Im weiteren Verlauf des Seminars soll der fortwuchernde Antisemitismus im Nachfolgestaat des „Dritten Reichs“ untersucht werden. In einem Text des Politologen Clemens Heni über den „’Sekundären’ Antisemitismus“ in der BRD geht es um Beispiele für den Versuch großer Teile der Bevölkerung, das zentrale Verbrechen des Nationalsozialismus, den Holocaust, zu derealisieren, zu relativieren, zu trivialisieren, aufzurechnen. „Seit Anbeginn war in der Bundesrepublik von den Deutschen als Opfern die Rede.“ Dies „war Alltag … nach 1945 … So wurden in den 1950er/1960er Jahren … in den meistgelesenen Illustrierten ‚Bunte’ und ‚Stern’ die Bombenangriffe auf Deutschland in den schrecklichsten Farben ausgemalt und die Alliierten zu Verbrechern gemacht … gezielt wird der Holocaust mit der Ausweisung der Deutschen aus dem Osten in Beziehung gesetzt, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, sprach davon, daß sich ‚Juden und Vertriebene’ ergänzten, da beide Gruppen auf ähnliche Weise Opfer geworden seien.“ Es geht um die angeblich „guten Seiten“ des Nazi-Staates („Autobahnen“, „Kraft durch Freude“). Als Beispiel für den Versuch, den Holocaust zu universalisieren, die deutsche Tat der modernen Zivilisation in die Schuhe zu schieben, verweist der Autor, Post-Doctoral Associate bei der Initiative for the Interdisciplinary Study of Antisemitism an der Yale University, USA, auf eine Vorlesung des Philosophen Martin Heidegger von 1949:
„Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern … “.
Der Analyse Henis folgend, soll der deutsche Entlastungsdiskurs bis in die Gegenwart hinein thematisiert werden („Bombenholocaust“, Dresden als „Krematorium“, „Vertreibungsholocaust“). Dabei geht es auch um die „am weitesten verbreitete Version der Schuldumkehr … die Diffamierung der Israelis als ‚Nazis von heute’“, die Beschreibung der „Palästinenser als ‚die Juden von heute’“.
Vergleichend, ergänzend soll der fortwuchernde Antisemitismus in Österreich, dem zweiten Nachfolgestaat des „Dritten Reichs“, thematisiert werden. Dies anhand einer Rezension eines „sehr unösterreichischen Buchs“. Es geht um eine Studie des Wiener Kommunikations- und Medienwissenschaftlers Prof. Maximilian Gottschlich zur Frage: „Wie antisemitisch ist Österreich?“ Die Studie ist gekennzeichnet, so der Rezensent, der Politologe Dr. Stefan Grigat, durch „klare Worte zur Beschreibung der österreichischen Nachkriegsrealität“, „die ‚Gesellschaft der Täter, Mittäter, Mitläufer und Zuseher ging zur Tagesordnung über’“. Es geht um die „Gleichgültigkeit großer Teile der Öffentlichkeit“, um das „Versagen der medialen Nachkriegsöffentlichkeit bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen“. Die „postnazistische österreichische Identität (beruhte) auf einer ‚Ideologie kollektiver Unschuld’, einer ‚Politik des Vergessens’“. Gottschlich beschreibe solchen Schuldabwehr-Antisemitismus als „tragenden Teil des Gründungsmythos“ Österreichs nach 1945. Entlang der Rezension soll der fortexistierende österreichische Antisemitismus bis in die Regierungszeit Bruno Kreiskys 1970-83, bis zur Waldheim-Affäre 1986-92, bis in die Gegenwart hinein, 2010, verfolgt werden, wobei der Rezensent zu letzterem Punkt auf empirisch-statistische Forschungsergebnisse der Studie Bezug nimmt. „Herausragend“, so Grigat, ist „Gottschlichs Buch … aufgrund seiner Beschäftigung mit dem antisemitischen Ressentiment gegen Israel.“ Der Autor zeige „exemplarisch an der Berichterstattung über die israelische Staatsgründung und die Überführung der sterblichen Überreste Theodor Herzls aus Wien nach Israel im Jahr 1949, dass die Gründung eines eigenen jüdischen Staates an keiner Stelle ‚in den politischen und historischen Kontext des Genozids an den europäischen Juden gestellt’ wurde. Dem israelischen Unabhängigkeitskrieg, in dem Tausende Überlebende der nationalsozialistischen Vernichtungslager gegen die angreifenden arabischen, nicht selten von Nazis beratenen Armeen kämpften, begegnete man in Österreich ganz ähnlich wie in Deutschland mit einer ‚plakativen Kriegsberichterstattung’, die zwanghaft von jedem Zusammenhang der Ereignisse im Nahen Osten mit dem erst drei Jahre zuvor in Europa beendeten Massenmord abstrahierte.“ Gottschlichs Studie biete „eine differenzierte Medienanalyse der österreichischen Nahostberichterstattung“ bis in die Gegenwart hinein, in der „antizionistisch und antisemitisch ‚überbordende Israel-Kritik’ … zum normalen ‚öffentlichen Diskurs’ gehört.“
Untersucht werden soll zudem der linke Antisemitismus. „Die Linkspartei, der Antisemitismus und Israel. Quereinstieg in eine laufende Debatte“, so der Titel eines Artikels, der im Seminar zur Diskussion stehen wird. Die Autoren, drei Mitglieder der Partei DIE LINKE, bieten eine kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in den eigenen Reihen, speziell auch mit dem auf Israel bezogenen. Der Beitrag erschien in der linken Monatszeitschrift KONKRET. Hier mitgelesen wird ein Kurzbeitrag des KONKRET-Autors Philipp Schmidt über einen vieldiskutierten, ebenfalls den Antisemitismus der Linkspartei kritisierenden Aufsatz des Sozialwissenschaftlers Samuel Salzborn und seines Co-Autors Sebastian Voigt: „Antisemiten als Koalitionspartner?“. Schmidts Beitrag kommentiert die Reaktionen innerhalb der Linkspartei sowie der Parteien rechts von ihr.
Schließlich, am Ende des Seminars, soll noch einmal der Antisemitismus eines Landes thematisiert werden, das historisch mit Deutschland im Bunde war, vor, während des Ersten Weltkriegs, vor, zu Beginn des Zweiten, dessen Nationalismus wie der irakische nicht am französischen, britischen, amerikanischen, sondern am deutschen Vorbild orientiert war, dessen Entwicklung in den 1970er Jahren in eine religiöse Variante des Faschismus mündete: den schiitisch-islamischen Gottesstaat. Dazu wird noch einmal ein Text aus dem Jahrbuch 2003 des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin herangezogen: „Die Bedeutung der iranischen Revolution von 1979 als Ausgangspunkt für eine antijüdisch orientierte Islamisierung.“ Der Autor, Prof. Henner Fürtig, Leiter des GIGA Instituts für Nahost-Studien, gab an, seit der Ablösung der historischen sunnitischen Herrschaft über Persien durch die historische schiitische sei „eine generelle Verschlechterung“ der Situation der dortigen Juden eingetreten. Galten im historischen sunnitischen Islam Tiere als „unrein“ (Hunde, Schweine), so waren es im historischen schiitischen: Menschen (Ungläubige, Juden). „Die neuen Herrscher achteten auf ’rituelle Reinheit’, schränkten die Kontaktmöglichkeiten mit Nichtmuslimen drastisch ein.“ Gab es für Juden im sunnitischen Machtbereich nur sehr selten gesetzliche Beschränkungen der Wahl des Wohnortes, so führte die schiitische Macht „zu einer weitergehenden Ghettoisierung“. (S. 73) Waren die mittelalterlichen sunnitischen Staaten im Vergleich zu den christlichen durch erheblich weniger Gewalt gegen Juden gekennzeichnet, so war im mittelalterlichen schiitischen Staat Gewalt gegen Juden regelmäßig verbreitet. Fürtig schrieb, „sowohl unter den Safaviden als auch unter den Kadscharen“ sei es „zyklisch (!) zu Kampagnen von Zwangskonversionen“ gekommen. (S. 73f) Wenngleich besonders in städtischen Ballungszentren wie Teheran, Shiraz, Isfahan große jüdische Gemeinden überdauerten, war ihre Situation im 19. Jahrhundert „armselig“, „entbehrungsreich“. Ähnlich der romantisch-nationalistischen Literatur in den deutschen Fürstentümern in den Jahren und Jahrzehnten vor der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848-49 war auch die persische nationalistische Literatur in den Jahren und Jahrzehnten vor der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1905-11 durch „antijüdische Stereotype“ gekennzeichnet. „Sie fanden mit der Darstellung des Juden als ‚hässlich’, ‚gierig’, ‚feige’ ihren Niederschlag.“ Wenngleich die revolutionäre Entwicklung in Persien weiter reichte als hierzulande, die Selbstherrschaft der Monarchie immerhin konstitutionell begrenzt wurde, so blieb die persische Revolution ähnlich der deutschen stecken, unvollendet. Erfolge in Sachen bürgerlicher Emanzipation der Juden („zivilrechtliche Gleichstellung“, Wahlrecht, „Aufhebung des Ghettogebots“) hatten, auch wenn sie erheblich „zum Selbstwertgefühl der iranischen Juden beitrugen, nicht Bestand.“ (S. 74) Das Land bewegte sich im Folgenden auf deutschem Sonderweg, signifikante Teile seiner Eliten, seiner Bevölkerung kämpften im Ersten Weltkrieg auf Seiten des Preußen-, des Osmanentums. Nach der Restauration der Selbstherrschaft des Schahs 1925 war nicht politische Revolution von unten, sondern apolitische, rein technische Modernisierung von oben gefragt. Versprach die damit einhergehende Säkularisierung den Juden einige Verbesserung, so „verschlechterte sich ihre Lage schon in den dreißiger Jahren“ wieder. „Der von Reza Schah geförderte Nationalismus schlug in dem Maße in Rassismus um, wie er Sympathien für den deutschen Nationalsozialismus entdeckte. Die Diskriminierung der Juden aus Glaubensgründen wurde nun sukzessive durch Antisemitismus bei gleichzeitiger Idolisierung der ‚arischen’ Perser ersetzt. Antisemitische Artikel und Angriffe gegen die einheimischen Juden häuften sich in der iranischen Presse. In immer größerer Zahl wurden sie aus staatlichen Stellen entfernt, in den späten dreißiger Jahren kam es sogar zu Massenvertreibungen, insbesondere aus Grenzregionen wie Khuzestan.“ (S. 75)
Entlang des 25-seitigen Textes von Fürtig soll der Antisemitismus der religiösen Hauptströmung der iranischen Gesellschaft, des schiitischen Islam, von den 1930er Jahren über die Machtergreifung 1979 bis ins Jahr 2000 verfolgt werden. „Namhafte iranische Geistliche entdeckten“ in den genannten dreißiger Jahren „ihre Sympathien für den Kampf der muslimischen Palästinenser gegen die Bestrebungen der Errichtung einer jüdischen Heimstatt im britischen Mandatsgebiet Palästina.“ Dies führte „zu einer Verstärkung der Kontakte zwischen iranischer und palästinensischer Geistlichkeit, u.a. zwischen Ayatollah Khorassani und dem Mufti Hajj Amin al-Husseini“, dem Nazi-Sympathisanten, dem späteren Nazi-Kollaborateur. Es geht um die Rolle der von Ayatollah Kashani geführten iranischen Geistlichkeit bei den Massendemonstrationen gegen die Gründung des jüdischen Staates 1948, um den darauf folgenden ersten Massenexodus iranischer Juden nach Israel. „Einige Autoren behaupten, daß zwischen 1948 und 1953 ein Drittel der iranischen Juden das Land in Richtung Israel verließ.“ (S. 75f) Es geht um die antisemitisch motivierten Versuche Ayatollah Khomeinis aus dem Jahr 1963, eine Massenmobilisierung seiner Religionsstudenten aus Qom gegen die guten Beziehungen des während, des nach dem Zweiten Weltkrieg unter amerikanischen Einfluß geratenen iranischen Staates zu Israel in Gang zu bringen. „An der israelisch-iranischen Kooperation entzündete sich das eigentliche … Wirken des späteren Revolutionsführers(1).“ Mit der Anerkennung Israels habe der Schah „eine Regierung der Ungläubigen – obendrein von Juden – anerkannt.“ Es sei dies „ein Affront gegenüber dem Islam, dem Koran“ gewesen. Des Landes verwiesen, ins Exil verbannt, „kristallisierte sich für Khomeini ‚der Westen’ zum Hauptfeind des Islam heraus. … ’das am wenigsten zu tolerierende Symbol der westlichen Tyrannei gegen die Muslime’“ sei „’der Staat Israel’. … Diese Einschätzung Israels sollte zu einer Konstanten im … Weltbild Khomeinis werden.“ (S. 77f)
Fürtigs Analysen folgend, wird der wachsende Einfluß dieses khomeinistischen Antisemitismus nach 1967, nach der Niederlage der panarabisch-nationalistischen Staaten im Sechstagekrieg gegen Israel diskutiert. Die Gegner des Schahregimes „begannen sich … zunehmend ‚islamischer’ Argumente und Versatzstücke zu bedienen … islamische Oppositionelle fanden besser Gehör … “. (S. 78) Der Autor verweist anhand von Zitaten aus Khomeinis Hauptwerk „Der islamische Staat“ auf einen „tief verwurzelten Antisemitismus“ des Ayatollah. (S. 79)
Es soll der khomeinistische Antisemitismus an der Macht, seit 1979, anhand der Analyse Fürtigs verfolgt werden. Es geht u.a. um das iranische Gegenstück zur Dreyfus-Affäre. Im Fall des wegen „Konspiration mit dem Zionismus“ angeklagten bekannten jüdischen Multimillionärs Habib Elghanian fand sich niemand, der den Ruf „J’Accuse!“ wagte, und niemand auch hätte ihn hören wollen. Konnte in Frankreich der zu Unrecht und aufgrund antisemitischer Motive wegen Spionage für Deutschland zu lebenslanger Verbannung verurteilte jüdische Offizier Dreyfus von einer aufgeklärten Bewegung aus Liberalen, Sozialisten und Anarchisten freigekämpft, rehabilitiert werden, fand sich im gegenaufgeklärten Iran kaum jemand, der für den jüdischen Geschäftsmann Elghanian Partei ergriff. Er wurde hingerichtet. „Weitere Exekutionen folgten, allein 1980 wurden sieben jüdische Angeklagte zum Tode verurteilt.“ (S. 81) Im gegenrevolutionären Iran der Mullahs wurden die Juden erneut ihrer bürgerlichen Rechte beraubt, den alten Bestimmungen der Dhimma unterworfen. Wenngleich die Gewalt im Folgenden nachließ, in den 1980er, ´90er, 2000er Jahren nicht die historischen, die mittelalterlichen Ausmaße annahm, wenngleich sie als Dhimmis einen gewissen rechtlichen Status besaßen, waren die Juden nicht selten Schikanen, Diskriminierungen, Restriktionen, auch Verfolgungen ausgesetzt. Noch 1997 wurde der zum Islam konvertierte jüdische Geschäftsmann Hedayatollah Zendehdel wegen „Verschwörung gegen die Islamische Republik“ hingerichtet. (S. 84f)
Diskutiert werden soll Fürtigs Text im Zusammenhang mit dem Krieg, den der Iran seit drei Jahrzehnten mittels der finanziellen, der militärischen Unterstützung der schiitisch-libanesischen Terrororganisation Hizbullah („Partei Gottes“), der sunnitisch-palästinensischen Terrororganisationen Hamas, Jihad al-Islami gegen Israel führt (S. 88ff), im Zusammenhang mit dem Aufrüstungsprogramm, welches der Iran betreibt, speziell der Entwicklung von Mittelstreckenraketen, die in der Lage sind, das Territorium des jüdischen Staates zu erreichen. Dies vor dem Hintergrund der existentiellen Bedrohung Israels durch das iranische Atomprogramm, im Zusammenhang mit einem möglichen präventiven Angriff der israelischen Luftverteidigungsstreitkräfte gegen die iranischen Nuklearanlagen.

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(1) Khomeini führte nicht die Revolution, sondern die Konterrevolution an.

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